Die berühmte Szene aus Werner Herzogs Dokumentarfilm "Encounters at the End of the World": Ein Pinguin macht sich auf zu den Bergen – aus Abenteuerlust? Trotz? Depression?
Ein Pinguin, der allein in das Ungewisse aufbricht, begeistert das Netz. Doch was steht dahinter? GEO-Reporter Lars Abromeit hat einen Irrläufer in der Antarktis getroffen.
Wir waren fest überzeugt, unseren Augen nicht trauen zu können: Schon seit mehr als drei Stunden waren der Fotograf George Steinmetz und ich in der eiskalten Wüste aus Fels und Geröll unterwegs. Kein Zeichen von Leben, kein grüner Fleck. Allein beißender Wind, 20 Grad Celsius unter null.
Wir wanderten durch das Taylor Valley der Ostantarktis. Von hohen Bergen geschützt, gehört dieses "Trockental" zu den wenigen gletscherfreien Gebieten des riesigen Südkontinents. Wie in einer gefrorenen Sahara erstrecken sich hier Sand- und Staubdünen bis zum Horizont. Bizarre Felsbrocken ragen dazwischen auf, über Millionen von Jahren vom Wind geschliffen. Gefrorene Seen klaffen im Boden wie blaue Zyklopen-Augen.
Kein Platz für Seevögel: Die Welt der antarktischen Trockentäler, in denen das GEO-Team einen verirrten Pinguin traf, zählt zu den extremsten Wüsten der Welt
Die Antarctic Dry Valleys gehören zu den lebensfeindlichsten Landschaften auf der Erde. Nur wenige Organismen halten es darin aus, fast nur Einzeller. Für GEO begleiteten wir hier Forschungsteams, die Belastungsgrenzen des Lebens erkunden: Sie suchen Flechten, die sich in Felskörnern einnisten. Oder Bakterien, die in der Tiefe der zugefrorenen Seen überdauern.
Mitten in dieser Einöde aber sahen George und ich nun plötzlich vor uns am Horizont: einen kleinen schwarz-weißen Adelie-Pinguin. Schon am Tag zuvor hatten wir erste Fußspuren von ihm entdeckt. Was machte er hier in der Wüste, allein, mehr als 20 Kilometer vom Meer entfernt? Wie sollte er hier überleben?
But why?
Das war im Dezember 2005. Zwei Jahre später filmte der Regisseur Werner Herzog in der nahegelegenen US-Forschungsstation McMurdo den Dokumentarfilm "Encounters at the End of the World" ("Begegnungen am Ende der Welt") und fing darin eine ähnliche Szene ein: Ein einzelner Pinguin entfernt sich von seiner Kolonie und läuft entschieden ins Landesinnere, 5000 Kilometer an kontinentaler Weite vor sich – und damit den sicheren Tod. "But why?", "doch warum", fragt auch Herzog in seinem Film.
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Weltweiter Pinguin-Hype
Jetzt wird die Szene zu einem viralen Meme – einem Symbolbild, das sich vor allem in den sozialen Netzen rasant verbreitet. Der "einsame Pinguin" trifft für Millionen von Menschen den Zeitgeist in unserer krisengeplagten Welt. Eine Realitätsflucht? Ein mutiger, eigener Weg – allen Widerständen und Trends zum Trotz? Eine Hoffnung darauf, dass die Dinge vielleicht auch ganz anders verlaufen könnten?
Die Deutungen sind facettenreich. Firmen wie Sixt, McDonalds und Lidl nutzen den Pinguin-Hype für Werbespots. Das Weiße Haus lässt in einem Post auf der Plattform X Donald Trump mit dem Pinguin und US-Flagge Grönland erobern. Der deutsche Außenminister Johann Wadephul antwortet mit einem Instagram-Video, in dem ein fröhlicher Pinguin auf den Gipfel eines EU-Berges klettert und dann, beflügelt von Werten der europäischen Politik, zu fliegen beginnt: "Europe – for sure".
Was aber bewegt manche Adelie-Pinguine tatsächlich zu ihrem fatalen Aufbruch ins Landesinnere der Antarktis?
Der US-Forscher David Ainley, den wir während unserer GEO-Recherche in der Antarktis in seinem Feldcamp in einer Pinguin-Kolonie besuchten, erklärte es uns: Die Abkehr einzelner Tiere von ihrer Kolonie sei keine bewusste Entscheidung rebellischer Pinguin-Abenteurer oder eine von Depressionen getriebene Flucht. Schuld sei vielmehr schlicht eine krankhafte Störung des Orientierungssinns.
Adelie-Pinguine nutzen bei ihren Streifzügen im Meer einen "inneren Kompass", um ihre Beute zu finden und sicher wieder zur Kolonie zurückzukehren. Dabei nehmen sie wohl auch Unterschiede im Erdmagnetfeld wahr. "Das ein oder andere Tier aber", sagte uns Ainley, "vielleicht eines von ein paar Tausenden, leidet unter Dyslexie." Eine neurobiologische Störung lässt es die Daten des inneren Kompasses völlig falsch auslesen.
"Der Pinguin meint, er geht in die richtige Richtung. Und deshalb dreht er nicht um." Die Krankheit werde wahrscheinlich von Parasiten verursacht. Selbst wenn Forschende solch einen Pinguin in die Kolonie zurückbrächten, löse sie sich nicht auf. Der Ausreißer zöge wieder aufs Neue los – ins Verderben.
Auch manche Wedellrobben leiden unter demselben Defekt: An den Ufern der Eisseen in den Dry Valleys hatten wir mumifizierte Robbenkadaver gefunden – vielleicht jahrhundertealt.
Wir verbrachten einige Tage mit Ainley und seinem Team in der Pinguin-Kolonie an der Küste. Der weltberühmte Antarktisexperte setzt sich seit Jahren für den Natur- und Klimaschutz ein. Zum neuen Internet-Hype um den Filmclip von Werner Herzog meint der Forscher in einem Interview nun: Ein Pinguin auf dem Weg in die falsche, fatale Richtung, ohne sich das bewusst zu machen – das passe als Analogie zum Verhalten der Menschheit doch eigentlich ziemlich gut.
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