Meinung
Warum der neue Rettungsversuch für den Buckelwal allen schadet

geo
  • von Peter Carstens
Der Buckelwal in der Wismarbucht
Für den Buckelwal in der Wismarbucht gibt es eine neue Rettungsaktion
© Bernd Wüstneck
Ein erneuter „Rettungsversuch“ für den Buckelwal hat grünes Licht von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus bekommen. Das schadet nicht nur dem Tier.

Es ist nur wenige Tage her, da erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) auf einer Pressekonferenz: „Wir haben alle, alle Optionen geprüft. Die Transportfähigkeit dieses Tieres ist nicht gewährleistet.“ Es werde keine weiteren Rettungsversuche für den mehrfach gestrandeten Buckelwal geben. Backhaus konnte sich dabei auf ein eigens angefordertes wissenschaftliches Gutachten stützen, auf nationale und internationale Expertise.

Der Wal befindet sich demnach im Sterbeprozess. Jeder Versuch einer „Rettung“würde ihn zusätzlich stressen und leiden lassen. Man müsse ihn nun in Frieden gehen lassen, sagte Backhaus.

Doch dazu wird es nicht kommen. Gestern gab der Minister grünes Licht für den Plan eines bayerischen Multimillionärs. Was bisher bekannt ist: Der Wal soll freigespült, auf eine Plane gehoben und dann auf einem Ponton bis in die Nordsee geschleppt werden, eventuell sogar bis in den Atlantik.

Warum? Der Grund für die Wende im Fall „Timmy“ liegt nicht in einer Änderung seines Gesundheitszustands: Der wird immer schlechter. Backhaus' Kalkül ist offenbar, dass der politische Nutzen einer weiteren Rettungsaktion größer ist als der Schaden. Doch diese Rechnung ist zynisch. Und trügerisch.

Rettungsaktion für Buckelwal Timmy: Enorme Kollateralschäden der Entscheidung

Erstens verstößt der Umweltminister mit seinem Go für einen weiteren „Rettungsversuch“ sehr wahrscheinlich gegen das Tierschutzgesetz, das es verbietet, einem Tier „ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen“. Auf genau diesen Passus hatten sich zuvor sowohl Backhaus als auch, in ungewöhnlicher Einstimmigkeit, die beteiligten Institutionen und Tierschutzorganisationen berufen.

Zweitens gibt Backhaus mit seiner Entscheidung einer kleinen, aber immer lauteren Gruppe von selbsternannten Walretterinnen und Walrettern nach, die – gegen alle Expertise – glauben, man könne den Wal am Leben erhalten. Die im Ernst meinen, ein verirrtes, schwer verletztes Tier mit einem Netz im Maul, das sich im Sterbeprozess befindet, werde in wenigen Tagen wieder vergnügt durch den Atlantik pflügen und sich erst mal so richtig sattfressen. Backhaus gibt Anfeindungen, Klagen, Versuchen nach, den Fall „Timmy“ politisch auszuschlachten – einem Druck, der offenbar täglich zunahm. Menschlich ist das verständlich. Aber Backhaus hat als Minister eine besondere Verantwortung. Nicht nur dem Tier, dem Tierschutz und seinem Amt, sondern auch seinen bisherigen Ratgeberinnen und Ratgebern gegenüber.

Drittens diskreditiert Backhaus nämlich mit seiner einsamen Entscheidung die nationale und internationale Expertise zu dem Fall. Ebenso wie seine eigene Haltung als Minister, die er noch vor wenigen Tagen auf genau diese Expertise stützte. Er beschädigt damit das Ansehen der Forschung und leistet der Wissenschaftsskepsis in Teilen der Bevölkerung Vorschub. Und der Vorstellung, dass Politik irgendwie dysfunktional sei.

Ausgerechnet einem Laien überlässt der Minister, der seit fast 28 Jahren ohne Unterbrechung im Amt ist, nun das Ruder. Einem millionenschweren Macher, der den „Bürokratie-Dschungel“ als Hindernis bei der Rettung des Wals identifiziert hat. Der, wenn der Wal auf dem Transport oder kurz danach stirbt, darauf verweisen wird, dass man ihn nur früher hätte machen lassen sollen. Nein, um das Wohl des Tieres geht es Backhaus nicht. Der Wal soll einfach nur weg, schnell und möglichst kostenneutral.

Ach ja, wann waren noch mal Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern?