"Nord Nord Mord – Sievers und der letzte Tango"
Ist das "der letzte Tango" für das Sylter Erfolgsteam?

  • von Kai-Oliver Derks
Im Tanz vereint: Ina Behrendsen (Julia Brendler) und Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk). Doch dieser Fall wird ihre Beziehung auf eine Probe stellen.
Im Tanz vereint: Ina Behrendsen (Julia Brendler) und Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk). Doch dieser Fall wird ihre Beziehung auf eine Probe stellen.
© ZDF / Manju Sawhney
Die Quoten des neuen "Nord Nord Mord"-Krimis "Sievers und der letzte Tango" könnten hinter denen der Vergangenheit zurückbleiben. Der Grund ist offensichtlich und vom ZDF durchaus eingepreist. Sehenswert ist Fall 28 aus der Erfolgsreihe aber in jedem Fall.

Es wird kurzzeitig ernst in diesem 28. Film der ZDF-Erfolgsreihe "Nord Nord Mord". Sehr ernst sogar. Dabei laviert das Format spätestens seit dem Einstieg von Peter Heinrich Brix 2018 als Kommissar Carl Sievers doch immer wieder haarscharf am klassischen regionalen Schmunzelkrimi vorbei. Gnadenlos werden Klischees bedient, die drei Hauptfiguren bleiben sich in einem Maße treu, wie man es aus so gut wie keiner anderen Krimireihe mehr kennt. Da ändert sich nichts.

Aber genau das macht denn auch den Erfolg dieses ungemein beliebten Formats aus. Hier weiß der Fan, was er bekommt. Regisseure und Autoren nehmen sich nicht wichtiger als die Reihe selbst, sondern stellen sich in deren Dienst. Auch die Darsteller nicht, die ganz offensichtlich eben nicht auf eine "Entwicklung" ihrer Figur pochen. Es geht um nicht mehr als entspannte, attraktiv bebilderte und im besten Fall auch dezent spannende Krimiunterhaltung. Und viel besser als das Sylter Team macht das im Grunde im deutschen Fernsehen keiner.

Zurück zum Ernst. Gleich in doppelter Hinsicht fällt "Sievers und der letzte Tango", der erste neue "Nord Nord Mord"-Film des Jahres, auf. Denn der erfahrene Autor und Regisseur Berno Kürten, der seit Jahren mit der Reihe verbunden ist, setzt diesmal für einen Moment die Chemie des kompletten Ermittlertrios aufs Spiel. Es geht um Vertrauensbrüche, um Eitelkeiten, um Arroganzanfälle und ein bisschen eben auch, wie in all den Jahren zuvor ebenso, um die Liebe.

Alles Tango ...

"Ich lobe den Tanz, denn er befreit den Menschen von der Schwere der Dinge", heißt es ja seit jeher, und so ist es nur verständlich, dass die beiden Ermittler Ina Behrendsen (Julia Brendler) und Hinnerk Feldmann (Oliver Wnuk) bei all den Leichen, die sie auf Sylt seit nunmehr 15 Jahren umgeben, ein bisschen Ablenkung suchen. Sie haben offensichtlich fleißig geübt und tanzen nun (von Kameramann Georgij Pestov klug geschnitten) ziemlich begnadet den Tango Argentino in der Musikmuschel Westerland vor großem Publikum. Ihr Chef Carl Sievers samt seiner Gefährtin Tabea Krawinkel (Victoria Trauttmansdorff) sind auch vor Ort, auch wenn Sievers solcherlei private Momente mit seinen Kolleginnen und Kollegen eher unklug und peinlich findet. Nun aber sitzt er da auf der Tribüne, und just als die Musik im Tangotakt erklingt, tut das Herz seines Sitznachbarn den letzten Schlag. Tot. Mord. Natürlich ... und ein sehr raffinierter dazu.

Es wurde die Insulinpumpe manipuliert – über Funk. Und dann erlag Edgar Lemberg eben einem Herzinfarkt. Aber natürlich kommen die Sylter Fachleute schnell hinter diesen perfiden Plan. Nun gilt es, und dafür geht in diesem zunächst ziemlich gemütlich inszenierten Krimi die meiste Zeit drauf, herauszufinden, wer dieser Lemberg eigentlich war. Vom Festland kam er nach Sylt, zum dritten Mal nun schon für jeweils einige Wochen. Ganz offensichtlich könnte der Kerl ein ziemlicher Schurke gewesen sei. Es geht um Erpressung, um Kokainhandel und womöglich um noch viele schlimme Dinge mehr.

Das ZDF und seine ungewöhnliche Strategie

Stutzig wird der erfahrene Krimizuschauer ja stets, wenn in zunächst kleinen, vermeintlich unwichtigen Nebenrollen sehr bekannte Gesichter auftauchen. Da ist zum Beispiel Matthias Matschke, der als Tanzlehrer und Organisator des Tanzfestivals ja eigentlich mit dem Toten gar nichts zu tun haben dürfte. Oder Katharina Heyer als Boutiquenbesitzerin Winka Vetter, deren Mitarbeiterin Leonie (Lea Zoë Voss) zusammen mit Feldmann und Behrendsen eben selbst noch Tango tanzte. Sicher, sie alle haben bei diesem klug angelegten Mordfall ihre Finger im Spiel. Aber eben doch nicht so, wie man annehmen dürfte. Bis zum Schluss gibt es hier im Buch von Berno Kürten überraschende Wendungen, die zwar bisweilen ziemlich gewagt, aber nicht absurd wirken.

Hohe Zuschauerzahlen und beste Marktanteile fährt diese Krimireihe aus dem Norden regelmäßig ein und sorgt damit am Tag nach der Ausstrahlung verlässlich für positive Schlagzeilen. Um so erstaunlicher ist die Strategie des ZDF, das diese Zahlen jetzt sehr bewusst aufs Spiel setzt. Üblicherweise finden sich große Eigenproduktionen wie diese wenige Tage zuvor in der Mediathek des Senders. Diesmal jedoch war die Strategie eine andere.

Schon kurz nach der Ausstrahlung des letzten Films im Dezember des vergangenen Jahres packte das ZDF "Sievers und der letzte Tango" prominent in die Mediathek, wo der Film nun seit vielen Wochen bereitsteht. Der Quote bei der Erstausstrahlung am gewohnten Montagabend dürfte das nicht guttun. Den Mediatheken-Abrufzahlen aber schon. Erstaunlich auch, dass der Begleittext in der Mediathek wesentliche Pointen der Geschichte vorwegnimmt, die der Zuschauer erst nach etwa 75 Minuten des Films erfährt. Vier weitere Episoden der Reihe sind inzwischen abgedreht. Die Sendetermine stehen nicht fest, ebenso nicht wie die Größe der Zeitfenster zur Mediathek.

Nord Nord Mord – Sievers und der letzte Tango – Mo. 16.03. – ZDF: 20.15 Uhr

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