Es war ein Schock, als vor ein paar Tagen zwei „Khorramshahr-4“-Raketen aus dem Iran auf den britischen Inselstützpunkt Diego Garcia zusteuerten. Eine Rakete stürzte aufgrund technischen Versagens ins Meer, die andere wurde abgeschossen. Wäre das nicht geschehen, hätten sie jeweils 1000 Kilogramm Sprengkopf ins Ziel geführt.
Was Briten und Amerikaner weit mehr als die potenzielle Zerstörungskraft schockierte, war die Reichweite der Raketen: Diego Garcia liegt rund 4000 Kilometer vom Iran entfernt – eigentlich unerreichbar für die „Khorramshahr“. Denn der Iran hatte offiziell als Reichweite etwa 2000 Kilometer angegeben und Analysten maximal etwa 3000 Kilometer für möglich gehalten. Mit 4000 Kilometern werden die Karten nun neu gemischt, da die Rakete von einer taktischen zu einer strategischen Waffe wird.
Irans Botschafter stellt Frage mit versteckter Drohung
Bislang galt die Bedrohung Deutschlands und Europas durch iranische Raketen als eher gering. Mit einer solchen Reichweite allerdings läge nun auch Deutschland im Zielkreis, und die Führung in Teheran weiß das für sich zu nutzen. Vergangene Woche fragte der iranische Botschafter in Deutschland die Bundesregierung, ob der US-Stützpunkt in Ramstein für Angriffe auf den Iran genutzt werde – eine Frage, die sich auch als versteckte Drohung deuten lässt.
Die US-Luftwaffenbasen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Oman waren mehrfach vom Iran mit Raketen beschossen worden. Die beiden Länder hatten sich zwar gegen den Krieg ausgesprochen, den USA jedoch gestattet, von den Luftwaffenstützpunkten auf ihrem Boden aus zu operieren.
Dass die USA den Iran-Einsatz von Deutschland aus unterstützen, ist wahrscheinlich. Die Ramstein Air Base nahe Kaiserslautern ist das Hauptquartier der US Air Force in Europa und in der Regel das zentrale Drehkreuz für die Logistik der US-Truppen bei Einsätzen im Nahen Osten. Ramstein dient zudem als Relaisstation für US-Drohnen, die aufgrund der Erdkrümmung nicht direkt von den USA aus gesteuert werden können. Die Steuersignale laufen aus den USA über das Relais in Ramstein und dann zu den Drohnen über dem Nahen Osten. In Spangdahlem in der Eifel schließlich befindet sich ein großer US-Militärflugplatz. Nach Informationen des SWR operieren dort seit dem Angriff auf den Iran deutlich mehr Transportflugzeuge als sonst.
Fähigkeiten des Iran im Raketenbau unterschätzt
Über die iranische Rakete „Khorramshahr-4“ ist wenig bekannt. Sie gilt als iranische Eigenentwicklung auf Grundlage der nordkoreanischen „Hwasong-10“. Diese wiederum gilt mit 2500 Kilometern als ballistische Rakete mittlerer Reichweite. Angaben des Iran zufolge wurde die Rakete in Länge und Umfang verkleinert, was die Reichweite auf 2000 Kilometer reduziert habe – immer noch genug, um Irans Hauptgegenspieler zu bedrohen: Israel, Ägypten und Saudi-Arabien.
Analysten fragen sich, ob der Iran den tatsächlichen Aktionsradius der Rakete unter Verschluss hält, um keine Sorgen bei den Europäern zu schüren. Rund 4000 Kilometer Reichweite, womöglich noch mit einem Atomsprengkopf, würden Europa anders auf den Iran blicken lassen.
Da die rund 20 Tonnen schwere Rakete wahrscheinlich nicht vergrößert wurde, um mehr Treibstoff aufnehmen zu können, wurde für die doppelte Reichweite mutmaßlich der Gefechtskopf verkleinert. Weil die „Khorramshahr“ einen für Mittelstreckenraketen ungewöhnlich schweren Gefechtskopf von bis zu 1,8 Tonnen trägt, bliebe selbst nach dessen Halbierung genügend Zerstörungspotenzial übrig.
Das mit Flüssigtreibstoff befeuerte Triebwerk bringt die 13 Meter lange „Khorramshahr-4“ in der Erdatmosphäre auf Mach 8, außerhalb der Atmosphäre auf Mach 16. Auf dem höchsten Punkt der Flugbahn werden Antrieb und Tanks abgetrennt. Der Gefechtskopf rast zur Erde und kann in dieser Phase noch mit kleinen Düsen gesteuert werden. Der tatsächliche Einschlagspunkt lässt sich daher nicht genau aus der ballistischen Flugbahn ableiten. Die Genauigkeit der Rakete wird mit zehn bis 30 Metern angegeben.
Der Start dieser Raketen ist schwer zu verhindern, da sie ohne feste Startplätze auskommen und stattdessen von auf Lkw montierten, hochmobilen Abschussrampen abgefeuert werden. Was das Abfangen der Raketen zusätzlich erschwert, ist ihr Cluster-Sprengkopf: In der finalen Anflugphase, in einer Höhe von rund 7000 Metern, gibt die Hülle des Gefechtskopfes zahlreiche Subsprengköpfe mit einem Gewicht von je 2,5 Kilogramm frei, die dann auf das Ziel herabregnen. Ideal für Flächenziele wie Luftwaffenstützpunkte und Militärbasen.
„Khorramshahr“-Raketen wurden massenhaft gegen Israel und Saudi-Arabien abgefeuert. Es ist nicht bekannt, über wie viele moderne „Khorramshahr-4“ der Iran noch verfügt und wie viele davon eine Reichweite von 4000 Kilometern haben.
Die Abwehr ballistischer Raketen wird in Deutschland gerade erst aufgebaut. Das aus Israel stammende „Arrow Weapon System for Germany (AWS-G)“ kann Raketen wie die „Khorramshahr“ bereits in einer Höhe von 100 Kilometern bekämpfen, also lange bevor Clustersprengköpfe oder Mehrfachsprengköpfe freigesetzt werden. Anfang dieses Jahres hat das AWS-G seine sogenannte Initial Operational Capability (IOC) erreicht. Ab diesem Punkt steht die grundlegende Infrastruktur aus Radar, Abschussrampen, Raketen und geschultem Personal zur Verfügung und kann eingesetzt werden. Bis zur vollen Einsatzbereitschaft dauert es aber noch.
Den tieferen Luftraum verteidigen „Patriot“-Systeme aus den USA sowie das aus Deutschland stammende „Iris-T SLM“. Diese Luftabwehrsysteme werden bereits äußerst erfolgreich in der Ukraine und im Nahen Osten eingesetzt.