"Joan Baez – Mit lauter Stimme"
Joan Baez

  • von Eric Leimann
Der Dokumentarfilm "Joan Baez – Mit lauter Stimme", er lief Anfang 2023 auf der Berlinale und später im Kino, ist mehr als nur eine Dokumentation der letzten Konzert-Tournee der Folk-Ikone. Die Kultsängerin der 60-er gewährt über offene Gespräche, alte Audio-Tapes und intime Privataufnahmen Einblicke in ihre komplexe Familiengeschichte.
Der Dokumentarfilm "Joan Baez – Mit lauter Stimme", er lief Anfang 2023 auf der Berlinale und später im Kino, ist mehr als nur eine Dokumentation der letzten Konzert-Tournee der Folk-Ikone. Die Kultsängerin der 60-er gewährt über offene Gespräche, alte Audio-Tapes und intime Privataufnahmen Einblicke in ihre komplexe Familiengeschichte.
© © Alamode Film
Der bewegende Porträtfilm "Joan Baez – Mit lauter Stimme" lief 2023 auf der Berlinale und danach in den Kinos. Selten kam ein Musikerinnen-Porträt seiner Protagonistin so nahe. Baez gibt sich als letzte Überlebende einer fünfköpfigen Kernfamilie vor laufender Kamera einer Art Familientherapie hin.

Im Juli 2019 spielte die Kultsängerin das letzte Konzert ihrer Abschiedstournee – eine Zeit, die im Dokumentarfilm "Joan Baez: I am a Noise" (Originaltitel des Films) festgehalten wird. ARTE wiederholt das ungewöhnliche Musikerinnen-Porträt, das 2023 auf der Berlinale und in ausgewählten Kinos lief, nun im Free-TV. Die eindreiviertel Stunden der Regisseurinnen Karen O'Connor, Miri Navasky und Maeve O'Boyle sind aber viel mehr als nur die Begleitung der letzten Konzerte einer exakt 60 Jahre andauernden Live-Karriere. Sie sind auch mehr als der übliche Rückblick auf die Stationen einer großen Karriere zwischen Folk-Hype, der schwierigen Liebesbeziehung zu Bob Dylan und Baez' langjährigem politischen Aktivismus. Der Film ist fast eine Art Psycho- und Familientherapie im Bewegtbild.

Sehr jung wurde Joan Baez aus Staten Island, New York, eine landesweit populäre Folksängerin. Sie brachte ihrer mexikanisch-schottisch-stämmigen Familie viel Geld nach Hause. Doch die beiden Schwestern und Eltern waren nicht glücklich darüber. Zwischen den sehr unterschiedlichen, hochsensiblen Schwestern herrschte viel Liebe, aber auch eine toxische Konkurrenz. Joan Baez und ihre jüngere Schwester Mimi litten beide unter Depressionen und manischen Schüben. Der Psychiater und seine Behandlungspläne waren früh Teil des Familienalltags. Die Akademikerfamilie Baez, religiöse Quäker, hatte als Einwanderer (der Vater war Mexikaner) unter Ausgrenzung und Rassismus zu leiden.

Familientherapie der letzten Überlebenden

Wenn man die glockenhelle Stimme der jungen Joan Baez hört oder und ihr anmutiges Auftreten betrachtet, vermutet man nicht, dass die mittlerweile 85-Jährige lebenslang unter psychischer Krankheit und ihrer dissoziativen Persönlichkeitsstörung litt. Hinzukamen in der Familie spät offengelegte Missbrauchsvorwürfe gegenüber dem Vater, die nie ganz geklärt wurden. Die mittlerweile verstorbenen Eltern stritten sie stets ab.

Die ganze Geschichte ist deshalb so spannend, weil Familie Baez ihren Alltag oft filmte und fotografierte. Dazu wurden Interview sowie therapeutische Familiensitzungen auf Audio-Tape festgehalten. Der Film montiert diese Dokumente aus sieben oder acht Jahrzehnten zu einer faszinierenden, rätselhaften Reise in das komplexe Verhältnis von fünf Menschen, von denen Joan Baez die letzte Überlebende ist.

Joan Baez – Mit lauter Stimme – Fr. 13.03. – ARTE: 21.45 Uhr

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