Özdemirs Triumph
Ein Erfolg, der manchem Grünen Angst macht

Cem Özdemir
Cem Özdemir am Wahlabend: Hinter dem Grünen liegt eine erstaunliche Aufholjagd
© Political-Moments / Imago Images
Cem Özdemir hat Geschichte geschrieben. Er wird der erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln. Auch in der Bundespartei kommt ihm jetzt eine neue Rolle zu.

Ein typischer Özdemir eben. Auch in der ersten Einordnung des Wahlabends. Ein bisschen klischeehaftes Lokalkolorit, wer hätte es anders gedacht. „Der Baden-Württemberger ist ja immer ein bisschen skeptisch und wartet ab“, sagt Cem Özdemir, der sich selbst gern als „anatolischer Schwabe“ bezeichnet. Nur nicht gleich überschwänglich werden. Es sei noch früh, um final etwas zu sagen, so der Spitzenkandidat in Stuttgart zu den ersten Zahlen des Wahlabends. „Aber das, was wir schon wissen, darüber kann man sich freuen“, fügt der ehemalige Grünen-Chef und Bundeslandwirtschaftsminister dann doch noch an. 

Sein Blick jedenfalls, die Art und Weise, wie er seine Nase in die Höhe reckt, verrät schon zu diesem frühen Zeitpunkt, dass da viel Stolz ist – und das Gefühl, es allen doch noch gezeigt zu haben. Denn so oder so, Werte um die 30 Prozent sind für Grüne eine Wohltat, im Bund dümpeln sie schließlich bei rund 11 Prozent. Wenn es so läuft, wie die ersten Zahlen suggerieren, dürfte der 60-Jährige sogar das Wunder von Baden-Württemberg geschafft haben: Den bislang ersten und einzigen grünen Ministerpräsidenten im Amt zu beerben. Nach 15 Jahren tritt Winfried Kretschmann ab. Nun könnte Özdemir nicht nur der zweite grüne Ministerpräsident werden, sondern auch der erste mit türkischen Wurzeln. 

Selbst in der eigenen Partei hatte man daran eigentlich nicht geglaubt, zu weit abgeschlagen lag Özdemir zu Beginn des Wahlkampfs hinten, nicht nur hinter der CDU, sondern auch hinter der AfD auf Platz 3. Eine erstaunliche Aufholjagd liegt hinter Özdemir. Von Beginn an war er im Vergleich mit dem unbekannten CDU-Kandidaten Manuel Hagel der deutlich Beliebtere. In seinem Lager wies man von Beginn an darauf hin, dass sich das am Ende auszahlen wird. Er hat einfach eine „unglaubliche Präsenz“, man könne ihn auf eine Bühne stellen, „und er rockt das“, sagt eine Spitzengrüne am Wahlabend anerkennend. 

Cem Özdemir bestritt den Wahlkampf als Anti-Grüner

Es war ein professioneller Wahlkampf ohne Fehler, den der Grüne in Stuttgart ablieferte – während sein CDU-Konkurrent Hagel mit für ihn unangenehmen Videos zu kämpfen hatte. In der Parteizentrale in der Bundeshauptstadt sieht man weitere Faktoren für den Erfolg: etwa die von der Bundes-CDU losgetretene Debatte über eine "Lifestyle“-Teilzeit, die auch in Baden-Württemberg viele erbost hätte. Und die steigenden Benzin-Preise durch die Eskalation im Iran, was den Leuten vor Augen geführt habe, dass die Grünen mit der Abkehr von fossilen Brennstoffen die richtigen Antworten auf die Herausforderungen der Zeit vertreten würden. 

In der Parteizentrale der Bundespartei in Berlin-Mitte war der Jubel deshalb riesig, als die ersten Prognosen über den Bildschirm liefen. Co-Parteichef Felix Banaszak schickte bei seinem Statement Kussmünder in die Menge. „Wir können doch noch gewinnen“, das ist dort das vorherrschende Gefühl an diesem Abend, bei den prominenten Vertretern einer Partei, die zuletzt eher an das Verlieren gewöhnt wurde. 

Immer wieder wird an diesem Abend nun das Gemeinsame betont. Özdemir sagt in Stuttgart artig in eine Kamera, dass er sich von der Partei unterstützt fühle, die beiden Parteivorsitzenden hätten ihm auch schon gratuliert. „Oh, das habe ich ja ganz vergessen“, entfährt es der Berliner Landesvorsitzenden Nina Stahr, als sie das im Fernsehen sieht. „Das hole ich mal ganz schnell nach“, sagt sie noch, als sie schon in ihr Handy tippt. 

Auf Stahrs notorisch linken Berliner Landesverband wartet die Wahl zum Abgeordnetenhaus im Spätsommer. Unter den Grünen gab es die Absprache, dass man sich für die Zeit des Baden-Württemberger Wahlkampfs zurückhält mit Aussagen aus der Bundespartei, aber auch den anderen Landesverbänden. In der Anerkennung dessen, dass es für einen Erfolg im konservativen Baden-Württemberg einen Wahlkampf mit anderen Botschaften brauchen wird, als das bei den Wahlen in den anderen Bundesländern der Fall sein wird. In zwei Wochen wird bereits in Rheinland-Pfalz gewählt, im Spätsommer folgen Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Die Erwartung ist, dass Özdemir das umgekehrt auch so handhaben wird, von einem „Vertrauensvorschuss“ ist gerade unter Anhängern des linken Flügels die Rede. 

Offen allerdings ist die Frage, wie viel der Erfolg im konservativen Süden tatsächlich mit den Grünen zu tun hat. Özdemir bestritt den Wahlkampf eher als Anti-Grüner, bei seinen Auftritten wurde er nicht müde zu betonen, dass er immer wieder mit seiner eigenen Partei fremdle. Die Baden-Württemberger Grünen seien ja eher so etwas wie die CSU, war eine häufig von ihm bemühte Aussage – also quasi eine eigene Partei mit einer Schwester im Rest des Landes. 

Auf der Wahlparty in Berlin wird das in einem kleinen Moment besonders deutlich: Hier wird die Wahlsendung der ARD abgespielt. Der Moderator sagt: „Ein Kandidat, der es geschafft hat…“. Da brandet der Applaus auf. Doch der Satz geht anders weiter, als es die grünen Feierlustigen sich erhofft haben: „...der es geschafft hat, sich so weit neben seine Partei zu stellen, dass er diese Werte erreicht hat“. Da wird es schnell wieder ruhig im Raum, bei der einen und dem anderen verzieht sich das Gesicht. 

Doch allzu lange aufhalten will man sich damit nicht. Schließlich soll dieser Abend ein grüner Erfolg sein. 

Die Parteispitze fühlt sich nun im Rückenwind für das Superwahljahr, das wird an diesem Abend deutlich. Noch genießen, solange man kann – so könnte man es auch sehen. Denn mit dem Wahlabend endet auch die Zurückhaltung bei Kritik an Özdemir, so scheint es zumindest der grüne Jugendverband zu sehen. „Wichtiger als ein gutes Ergebnis für die Partei ist am Ende auch gute Politik für die Menschen in Baden-Württemberg“, sagte der Co-Sprecher der Grünen Jugend Luis Bobga am Wahlabend ntv.de. „Und nach den letzten Wochen mit Cem Özdemir bin ich mir nicht sicher, ob das automatisch das Gleiche heißt.“ Unter anderem die offen zur Schau gestellte Nähe zum bei den Grünen umstrittenen Ex-Mitglied und Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer sorgt hier für Kritik. 

Es gibt manche, die in Özdemirs fulminanter Aufholjagd sogar einen noch größeren Erfolg sehen: dass dieser damit zum starken Mann der Grünen werde. Andere, gerade am linken Flügel, für die Özdemir etwa mit seinen harten Positionen in der Migrationspolitik ein regelrechtes No-Go ist, weisen schon einmal vorsorglich daraufhin, dass er in seiner Zeit als Parteivorsitzender nicht gerade integrierend gewirkt habe. 

Trotzdem scheint für viele festzustehen: Özdemir dürfte sich stärker auch in Berlin einmischen, als das mit seinem Vorgänger Kretschmann der Fall war. Dadurch kenne dieser die Bundesebene zu gut, zuletzt war er in der Ampel-Regierung noch Landwirtschafts- und später zusätzlich noch Forschungsminister. 

Nach der Wahl in Rheinland-Pfalz will die Partei wieder stärker in die inhaltliche Auseinandersetzung gehen. Dann könnten sich auch die Debatten zwischen den Flügeln wieder verschärfen. Bislang scheint man sich aber sicher, so suggerieren es viele Spitzenpolitiker in ihren Analysen, dass diese Auseinandersetzungen in vernünftigen Bahnen ablaufen dürfte. Auf eines können sich jedenfalls schon einmal viele einigen: Cem Özdemir hätte die von Kretschmann eingeführte „Politik des Gehörtwerdens“ erfolgreich weitergeführt, er sei in seinem Wahlkampf „nah bei den Leuten“ gewesen. Und dass das sinnvoll sei – darauf müsse man sich ja unabhängig von Flügelzugehörigkeiten einigen können. Das ist zumindest die Hoffnung.

Hinweis: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, Özdemir sei der erste Ministerpräsident mit Migrationshintergrund. Tatsächlich hatte der frühere niedersächsische Ministerpräsident David McAllister auch einen Migrationshintergrund und eine doppelte Staatsbürgerschaft. Wir bitten um Entschuldigung für den Fehler.

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