Kolumne Marinić
Merkels Mitte

  • von Jagoda Marinić
Kolumnistin Jagoda Marinic
Unsere Kolumnistin führt in Berlin ein Interview mit Altkanzlerin Angela Merkel
© Stern Montage: Fotos: Gene Glover/stern; KI-generiertes Bild mit ChatGPT
Nach dem Wahlsieg von Cem Özdemir muss unsere Kolumnistin an ein Gespräch mit Angela Merkel denken, das sie kürzlich geführt hat. Es zeigt sich: Die Anständigen sind in der Mehrheit.

Angela Merkel war zu Gast in meinem Podcast „Freiheit Deluxe“. Ich hatte vorher gehört, wie nervös viele Journalisten ein Gespräch mit ihr macht. Es gibt Geschichten von einer Art Merkel-Effekt. Der Reporter Alexander Osang etwa, der sie oft porträtiert hat, soll seine Frau gebeten haben, Merkel zu spielen, um sich vorzubereiten. Das habe ich niemandem angetan, aber leicht wurde es nicht.

Am Tag des Interviews warte ich vor dem Aufnahme-Studio in Berlin auf sie. Merkel steigt aus dem dunklen Wagen und reicht mir die Hand. Sie betont meinen Namen richtig, auf der ersten Silbe. Eingewanderte Namen richtig auszusprechen, ist eine eigentlich einfache Übung, die aber nur wenige in diesem Land auf sich nehmen wollen. Angela Merkel, Bundeskanzlerin a. D., macht sich die Mühe.

Angela Merkel zeigt Präsenz: Vertrauen statt Dominanz im Interview

Sie steht vor mir, klar, präsent, erholt. Es wird ein Foto gemacht. „Haben wir’s!“, sagt sie nach 50 Sekunden und eilt ins Studio. Da sitzt sie vor mir, wach und konzen­triert. Wenn sie sich für etwas entscheidet, ist sie entschieden da. Vor dem Interview berät sie sich mit mir über die Wahl der Kopfhörer. Aufsetzen oder nicht, frage ich. Sie rät mir, keine zu tragen, weil das im Fernsehen, wo das Interview auch ausgestrahlt wird, nicht gut aussehe. Diese kleine Szene geht später im Netz viral. Merkel wird offenbar vermisst, cool gefunden. Mit Merkel würden die Jungen gern Kaffee trinken, so lesen sich die Kommentare. Nur die Anhänger der Blauen sehen das komplett anders.

Nostalgie hin oder her, Merkel findet einen Ton, der  Vertrauen schafft. Das heißt nicht, dass man ihre Politik nicht kritisieren kann. Es bedeutet nur, dass Merkel mit Kritik respektvoll oder humorvoll umgeht. Demokratische Praxis statt Dominanzgebärden.

Ich wollte das Gespräch mit ihr führen, ohne zu richten und zu henken. Die Mühe, mit ihr die Weltpolitik zu analysieren, hatten sich schon viele vor mir gemacht. Ich wollte über die Gegenwart nachdenken und mich überraschen lassen. Als ich sie frage, weshalb sie ihr „Wir schaffen das!“ damals nicht mit mehr Hilfen für die Kommunen bekräftigt habe, erzählt sie von der Einsamkeit, die sie als Kanzlerin auch kannte, wenn der Rückhalt fehlte, und von ihren Versuchen, Deals mit Erdoğan zu schließen.

Über Trump und Merz verlieren wir kaum ein Wort. Trump hingegen lästert am selben Tag bei seinem Treffen mit Friedrich Merz über Merkel. Die Trumpisten dieser Welt zelebrieren das Gegenteil von Merkels Politikstil. Ich denke, dass es an uns liegen wird, ob sie damit durchkommen. Wie lange wollen wir diese Poltergeister noch mit Aufmerksamkeit belohnen?

Angela Merkel wurde oft gefragt, wie man mit AfD-Wählern im Osten umgehen könnte. Ich hingegen will wissen, was sie jungen Migranten sagt, die wegen der AfD auf gepackten Koffern sitzen. In Merkelscher Klarheit verweist sie auf den Kern des Problems: „Mich wollen die hier auch nicht! Auch mich haben sie weggebrüllt.“ Die Mitte, sagt sie, müsse zusammenhalten, ob mit oder ohne Migrationshintergrund.

Das Wahljahr 2026 sei eben noch nicht gelaufen, gibt sie sich zuversichtlich. In jedem ihrer Argumente steckt der Gedanke, dass Menschen Politik und Realität schaffen. Klingt das zu optimistisch?

Während ich diese Kolumne schreibe, holt in Baden-Württemberg der Grüne Cem Özdemir überraschend die meisten Stimmen im Ländle. Vermutlich wird er der erste deutsche Ministerpräsident mit Einwanderungsgeschichte. Noch ist alles offen in diesem Deutschland, höre ich Merkels Stimme im Ohr. 

Das Gespräch von Jagoda Marinic mit Angela Merkel findet sich in voller Länge in der ARD-Mediathek.

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