Man traut sich in diesem Land nicht mehr, laut zu sagen, dass etwas funktioniert! Bei der Verabschiedung des grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann fand ich überraschend einen Leidensgenossen. Joachim Gauck machte sich darüber lustig, nicht mehr sagen zu dürfen, wenn etwas gut sei. Da heißt es ständig, diese Jahre seien die letzte Chance für die Demokratie, und fast alle, denen man ein Mikro hinhält, reden vom Weltuntergang. Pardon, vom Deutschlanduntergang.
Ich nenne diese Leute „Die Alles-Scheiße-Fraktion“. Die Alles-Scheiße-Fraktion sitzt eigentlich immer nur am Seitenrand und kommentiert negativ daher. Für Talkshows und Podcasts mag das unterhaltsam sein; dem Land aber bringt es nichts. Natürlich sieht jeder, wie viel schiefläuft, aber statt allgemein die Stimmung runterzuziehen, sollten wir fragen, was konkret anders laufen müsste. Es ist noch keine Politik, die eigene Bevölkerung zu beschimpfen oder harte Zeiten zu vermelden. Es ist kein guter Journalismus, immer nur zu beschreiben, wie doof demokratische Politiker sich anstellen. Dieses faule Ächzen: Hach, erst ein Jahr Merz! Hätte man die Ampel nicht medial in den Abgrund geseufzt, wäre Merz mit seinem Neuwahlen-Projekt nicht durchgekommen. Jetzt mosern wieder alle, wie ungelenk Merz sich wieder angestellt hat, zuletzt beim DGB.
Zuversicht statt schimpfender Kanzler
Wenn Deutschland aus der Krise kommen will, braucht es eine Zuversicht, die von Eliten ausgehen muss, von all jenen, denen es irgendwie noch okay geht. Alle, die es zu etwas gebracht haben, müssten jetzt Lösungen anbieten, dort, wo sie etwas von den Problemen verstehen. Doch viele, die es gut haben, suchen stattdessen nach einem Ausgang. Heute saß ich im Zug neben einem, der in seinem PC an einem Programm arbeitete, das vielen Reichen bekannt sein dürfte: „Steuern? Nein, danke!“ Wer reich geworden ist in diesem Land, steigt aus. Erben machen das sowieso. Wenn Merz schon schimpfen möchte, wenn einige Medien spotten wollen, vielleicht fangen sie da mal an.
Zuversicht, Optimismus, Tatendrang, all das war einmal. Politiker meckern heute die Mitte an, die angeblich zu wenig arbeitet. Doch Bürgerbeschimpfungen sind fruchtlos, die meisten stumpfen ab, zu viele treibt es in die Arme vermeintlich alternativer Parteien. Die Chefin des Maschinenbauers Trumpf, Nicola Leibinger-Kammüller, sagte kürzlich im Interview, Corona sei für Unternehmen nichts gewesen im Vergleich zur aktuellen Krise. Man könnte von den Unternehmern aber auch erwarten, neue Bündnisse zu suchen, um die Verhältnisse zum Besseren zu ändern. Stattdessen malen alle ihr eigenes „Gott ist tot!“ an die Wand.
Unsere Probleme sind die Probleme aller Demokratien derzeit, die auf den Technofeudalismus und die Neo-Autoritären nicht vorbereitet waren. Während Bezos, Musk und andere in den Weltraum fliegen, bricht zusammen, was als Mitte galt: Menschen, Medien, Miteinander. Europas Traditionen der Sozialen Marktwirtschaft bis zur Gesundheitsversorgung zerbrechen unter dem Diktat der Superreichen.
Wie wäre es, mit dem Kanzler zu reden, enger zusammenzuarbeiten, statt sich gegenseitig anzuschreien? Wie wäre ein unternehmerischer Geist, der sich mit Arbeitnehmern zusammentut und sogar Soloselbstständige einbezieht, um Reformen für alle voranzutreiben? Wie wäre es mit Medien, die mehr als Clickbaits verbreiten? Lösungslust statt des Wettbewerbs, wer am besten die Stimmung runterwirtschaftet. Hätte was, oder? Lasst uns das machen.
„Wir schaffen das“ darf man ja nicht mehr sagen.