Kolumne Marinić Sie wollen uns fressen

  • von Jagoda Marinić
Illustration Jagoda Marinić und Männer
Unsere Kolumnistin Jagoda Marinić fragt: Ist nun die Zeit gekommen, nicht mehr untätig zuzusehen?
© stern-Montage: Gene Glover / stern; Getty Images; Adobe Stock(2)
In Davos hat unsere Kolumnistin Jagoda Marinić Männer erlebt, die sich nehmen, was immer ihnen in den Sinn kommt. Ein Aufruf zur Gegenwehr.

Eigentlich habe ich für dieses Leben genug machtbesoffene Männer auf der Weltbühne gesehen. Ich dachte mal, es werde besser. Spätestens seit Donald Trumps Auftritt in Davos ist das Gegenteil klar: Wir haben durch ihn einen neuen Typus von Patriarch kennengelernt. Trumps vermeintlich sinnlose Rumble-Bumble-Rede sollte vermitteln: Ich darf, was ich will. Fuck you, Grönland, ich brauch jetzt euer Land! Er garnierte dieses Gehabe durch die Gründung eines "Friedensrats", und noch während ich diese Kolumne schreibe, verfassen irgendwelche Hörigen den ersten Wikipedia-Artikel über sein "Board of Peace" (BOP).
Überhaupt, die Hörigen!

Jagoda Marinić: Was bleibt von Trumps Wahlversprechen noch übrig?

Der zynischste Kommentar zu Trumps Friedensfassade kommt von einem, der mal mehr, mal weniger sein Buddy ist: Elon Musk. Der setzte sich in Davos auf die Bühne und fand sich urkomisch, als er auf ein phonetisches Problem hinwies: Ist es "peace" wie Frieden oder "piece" wie Stück?, fragte er, hehe. Buchstabierte dabei "p-i-e-c-e" genüsslich aus, bevor er weiterdeklinierte: ein Stück von Grönland, ein Stück von Venezuela. Die Ruchlosen brauchen nicht mal mehr eine Fassade.

Ich weiß, es bringt nichts, jetzt 24 Stunden am Tag alles grausam zu finden. Noch schlimmer aber wäre es, weiterzumachen wie bisher und so zu tun, als reichten Wohlstandsoptimismus und Bücher von Hartmut Rosa. Ein Teil der US-Amerikaner hat Trump ins mächtigste Amt der Welt gewählt. Ausbaden müssen diese Wahl die Einwanderer, die von seiner ICE deportiert oder erschossen werden. Stephen King und viele andere nennen die ICE inzwischen Gestapo.

Leider hält sich Trump nicht an sein Wahlversprechen, das lautete, er kümmere sich nur um die USA. Er will nun die ganze Welt. Ein Stück von Grönland, Venezuela, ein Stück von … Sein Schwiegersohn Jared Kushner präsentierte im Rahmen der Unterzeichnung der Charta des Trump’schen Friedenrates Hochglanzpläne für den Gazastreifen als Wirtschaftszentrum. Welch ein Zynismus gegenüber den Opfern dort! Im Anschluss soll Kushner nach Moskau geflogen sein.

Es ist Zeit: Friedrich Merz möge den Mund jetzt bitte so weit aufreißen wie im Wahlkampf, als er um jeden Preis ins Kanzleramt wollte. Jetzt sitzt er da, doch wenn er und die anderen EU-Regierungschefs nicht zusammenstehen gegen die Autoritären, sind auch wir bald nur noch "ein Stück von Europa". Der Ungar Orbán sitzt schon in Trumps Simulationsrat für den Frieden.

Seit Trump ihr Land kaufen wollte, waren viele Interviews mit Grönländern zu sehen, die klarstellten, sie seien nicht käuflich. Das können viele kaum glauben. Sogar Freunde von mir sagten, wenn Trump wirklich jedem Grönländer hunderttausend Euro böte, hätte er sicher einen Großteil der Bevölkerung gewonnen, zumindest gespalten hätte er sie. Bisher sehe und höre ich jedoch nur Grönländer, die sich empören, die erklären, wie unwichtig Geld sei. Eine Frau erzählte sogar, man könne dort nicht einmal das Land besitzen, auf dem das eigene Haus steht. Sie mögen dort auch keine aufgeblasenen Lippen wie die von Kim Kardashian. Die Megalomanie der USA ist ihnen fern. Uns wohl nicht.

Es gibt mir zu denken, wenn selbst Freunde sich den Trotz und Autonomiewillen der Grönländer nicht vorstellen können. Wir sind längst verstrickt in die Ideologie des amerikanischen Albtraums, in dem der Stärkere immer bekommt, was er will.

Ich weiß nicht, ob wir bereit wären, den Preis zu bezahlen, den es kostet, keine Diktatur der Reichsten zu erleben. Ich weiß aber: Mit jedem Tag, den wir untätig zusehen, steigt dieser Preis in die Höhe.

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