Endlich geht es in allen Nachrichten um die Epstein-Files. Endlich redet die Welt über die korrupten Netzwerke des einen Prozents da oben. In den sozialen Medien finden sich im Sekundentakt neue Videos zum Skandal. Prominente wie der Guru Deepak Chopra und Bill Gates tauchen vielfach in den Mails auf. Gates wurde darauf angesprochen, und er stotterte etwas über Reue: Jeder Moment mit Epstein tue ihm leid. Er habe jedoch mit den kriminellen Machenschaften nichts zu tun gehabt. Ach ja? Seine Ex-Frau Melinda sprach zur selben Zeit über die Traurigkeit, die sie durch die Veröffentlichungen fühle.
Frauen, die Opfer wurden
Wen wir leider zu selten sehen: die jungen Frauen, die von dieser korrupten Elite missbraucht wurden, Sarah Ransome, Courtney Wild, Juliette Bryant, Alicia Arden und viele mehr. Wir sehen sie nicht, obwohl es die weltweite #MeToo-Bewegung gab. Andere sagten: Die Frauen hätten es übertrieben mit #MeToo.
Der Fall Epstein zeigt: Wir haben nicht übertrieben! Frauen, die Opfer wurden, können gar nicht deutlich genug werden, weil die Täter einen Schutz genießen, der uns bisher wie eine Verschwörungstheorie vorkam: die Bande der korrupten Eliten aus Wirtschaft, Medien, Politik und Showbiz. Wie sicher müssen sich alle gefühlt haben, wenn sie diese Unmenge an Material und Spuren hinterließen? Sie müssen gedacht haben, niemand könne ihnen etwas.
Vielleicht leben wir doch in keiner so schlechten Zeit. Vielleicht werden endlich nicht nur die Epstein-Files publiziert, sondern auch die Mädchen von damals gehört. Es könnte sein, dass eine Menschenrechtsfrage die Big Men, die sich gerade die Welt aufteilen wollten, von ihrem Thron stoßen wird.
Der Skandal zeigt mir: An diesem Gestern, dem viele nostalgisch nachweinen, ist nichts zu vermissen. Warum bitte hat Joe Biden die Epstein-Files nicht ungeschwärzt publik gemacht? Weil das Leid der Mädchen keine Priorität hat?
Wenn ich Bilder aus dem kriminellen Netzwerk sehe, erschrecke ich, wie normal viele Momente aussehen. Es könnten Bilder aus meiner Jugend sein: die Möbel, Kleider, die ganze Ästhetik, die langweiligen Hemden der Männer. Wie oft die Mädchen auf den Fotos fröhlich lächeln, ist kaum auszuhalten, weil ich weiß, dass Kinder mit jeder Wirklichkeit, sei sie noch so grausam, klarzukommen versuchen. Erst Jahre später sollten sie verstehen, was ihnen angetan wurde. Etwa das Bild von Prinz Andrew, wie er neben einem blonden Mädchen steht, im Hintergrund die kriminelle Partnerin von Epstein, Ghislaine Maxwell, die strahlend Menschenhandel betrieben hat, als sei es das Normalste der Welt.
Als ich jung war, wurden Mädchen ständig und überall sexualisiert. Der Musiksender MTV zeigte Frauen, die zum Objekt herabgestuft wurden, Britney Spears zum Schulmädchen etwa. Überhaupt wuchsen wir Mädchen auf wie Glotz- und Grapsch-Fantasien für Männer. Nastassja Kinski wurde als 15-Jährige im "Tatort" nackt ins Fernsehen gezerrt. Die Französin Charlotte Gainsbourg stöhnte mit ihrem Vater Serge für den Song "Lemon Incest" ins Mikrofon, da war sie 13. Als junge Frau habe ich selbst Träume beerdigt, etwa jenen, Schauspielerin am Theater zu werden. Mir war klar: Mein Körper gehört mir, und in dieser Theaterwelt respektiert diesen Wunsch niemand.
Jetzt ist die Chance, in die Abgründe des Patriarchats zu blicken. Wenn wir all das würdig für die Opfer aufarbeiten, ist das der Anfang vom Ende von so manchem Krieg, den die Stärkeren gegen die Schwächsten führen. Das hoffe ich.