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"Der Glaspalast": Die Buddenbrooks auf indisch

In seinem Roman "Der Glaspalast" erzählt der renommierte indische Schriftsteller Amitav Ghosh nicht nur eine große Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte Birmas.

Amitav Ghosh öffnet in seinem Roman «Der Glaspalast» den Blick in eine fremde exotische Welt, den vorderindischen Subkontinent. In das Buch findet man nur langsam hinein, aber dann lässt es den Leser nicht mehr los. Der renommierte indische Schriftsteller erzählt nicht nur eine große Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte Birmas. Unversehens wird daraus ein Bericht über den Kampf Indiens gegen die kulturelle und ökonomische Vorherrschaft Englands in dieser Region.

Gestrüpp fremdländischer Namen

Gut, dass dem Buch ein Stammbaum beiliegt, sonst verirrt sich der europäische Leser in einem Gestrüpp fremdländischer Namen. Wer dabei bleibt, erfährt vieles über die fundamentalen Unterschiede zwischen Hindus, Moslems und Buddhisten. Ghosh erzählt in immer neuen Ansätzen aus der Perspektive unterschiedlichster Personen. Den Überblick dabei zu behalten, ist für den Leser gar nicht so einfach.

Der Roman ist auch ein Buch über die Emanzipation des Bürgertums in Birma und Indien - ein Vergleich mit dem Aufstieg und Fall des Großbürgertums in Thomas Manns «Buddenbrooks» (1901) drängt sich auf. Allerdings erreicht Ghosh nicht die erzählerische Dichte des jungen Lübecker Autors.

Vertreibung aus dem Glaspalast

Ghosh beginnt seine Erzählung mit der Vertreibung der birmanischen Königsfamilie aus ihrem Glaspalast durch die englische Besatzungsmacht. Die Entmachtung der göttergleichen Königsfamilie geht Hand in Hand mit dem Aufstieg eines armen indischen Jungen aus einer Garküche zu einem der reichsten Männer des Landes - vom Tellerwäscher zum Millionär auf indisch.

Die industrielle Revolution in Indien

An seiner Hauptfigur Rajkumar exemplifiziert Ghosh die industrielle Revolution in der von Indien dominierten Region. Sie ist eben auch eine Revolution der Mobilität der Arbeitskräfte. Dass dabei jede Menge Automarken und Flugzeugmodelle genannt werden, ist ebenso ärgerlich wie überflüssig.

Amitav Ghosh: Der Glaspalast. btb, 607 Seiten, 12 Euro

Heidrun Holzbach / DPA
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