"Lieber Osama" Tor, Terror und Orgasmus


Im vergangenen Jahr erschien in Großbritannien ein Buch mit dem Titel "Lieber Osama" - pikanterweise ausgerechnet am Tag der Anschläge in London. Der schwarzhumorige Roman ist nun auch in Deutschland erschienen.

Schwärzer geht es vermutlich nicht. In London erschien dieses Buch ausgerechnet am 7. Juli 2005. Rein zufällig lag es erstmals genau an jenem Tag im Schaufenster, an dem Selbstmordattentäter in drei U-Bahnen und einem Bus Rucksackbomben zündeten. "Lieber Osama" ist der Titel der nun genau ein Jahr danach bei Rowohlt erscheinenden deutschen Ausgabe dieses provozierenden Romandebüts.

Das Buch des 33-jährigen Psychologen und Journalisten Chris Cleave beginnt so: "Lieber Osama, sie wollen dich tot oder lebendig, damit der Terror endlich aufhört. Obwohl, ich weiß nicht. Mit dem Rock'n'Roll war ja auch nicht Schluss, als Elvis auf dem Lokus starb, es wurde bloß schlimmer." Was folgt, ist eine Art Terror-Rock'n'Roll. Ganz genau weiß der Leser nie, ob er empört sein oder den Atem ahalten soll angesichts so viel Verwegenheit, ob er die Heldin bemitleiden oder verurteilen soll.

Zum Jahrestag des Anschlags

Selbst wer dieses Buch geschmacklos findet, dürfte sich bei Cleaves teils herrlich-schnoddriger Mixtur aus schwarzem Humor, Bildern der real existierenden Londoner Klassengesellschaft, Krimi, Medienkritik und Untergangsorgie immer wieder mal beim Lachen ertappen. Oder wenigstens beim verstohlenen Schmunzeln. Und sei es, weil "Lieber Osama" nicht nur passend zum Londoner Terror-Jahrestag vermarktet wird, sondern auch, vielleicht unbewusst, zur Fußball-WM.

Im Zentrum steht ein Bombenanschlag während eines Spiels der beiden Londoner Spitzenmannschaften Arsenal und Chelsea. Die Heldin, die sich ihren Kummer in Form eines mehr als 300 Seiten langen Briefes an den bärtigen Oberterroristen von der Seele schreibt, ist eine proletarische Londoner Jung-Witwe. Pfiffig, wenngleich nicht mit höherer Bildung gesegnet. Und mit ausgeprägtem Hang zum Fremdgehen.

Die Osttribüne explodiert

Die Bombe zerreißt hunderte Fans, darunter ihren Mann und ihren kleinen Sohn. Die Briefschreiberin sieht am Fernseher zu. Sie liegt gerade auf dem Bauch und hat nichts am Körper, außer ihrem neuen Liebhaber. Torschuss, der Ball senkt sich unhaltbar unter die Latte, Orgasmus, die Osttribüne explodiert in einem Feuerball. Darauf muss man nicht nur kommen, man muss sich auch trauen, so viel Effekthascherei zu Papier zu bringen.

Cleave, der 1973 in London geboren wurde und seine Kindheit in Westafrika verbrachte, hat in Oxford Experimentelle Psychologie studiert. Vielleicht liegt es ja daran, dass sein Debüt-Roman manchmal an ein Experiment mit der Psyche des Lesers denken lässt. Von dem im Klappentext versprochenen "Geniestreich" blitzen jedenfalls nur hier und da Ahnungen auf.

Als es fast schon zu viel wird mit Sex, Terror, Tränen, Suff und Drogen, ekligen Egoisten und Kumpel-Osama-Witzchen, kommt schließlich eine große gemeine Verschwörung von Polizei und Politikern zum Vorschein. Ohne die würde ja auch jedem Terroranschlag etwas fehlen.

Thomas Burmeister/DPA


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker