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Amélie Nothomb: Die morbide Welt der Amélie

Angst, Magersucht, Mord, Tyrannei - die belgische Schriftstellerin und Friedhofsliebhaberin Amélie Nothomb schreibt ungemein erfolgreiche Romane über menschliche Abgründe.

So richtig schön gaga sieht sie aus in ihrer schwarzen Gruftie-Aufmachung. Mit den Ringel-Nylons, den schweren Stiefeln, den dicken Pulswärmern und dem vielen Make-up im bleichen Porzellangesicht. Die einzigen Farbtupfer sind ihre graublauen Augen, die immer wieder gefährlich aufblitzen - als wollten sie der Außenwelt mitteilen: "Seht nur, wie kaputt ich bin." Freunde trifft Amélie Nothomb am liebsten auf einem der vielen Pariser Friedhöfe. "Nie werde ich kapieren, warum die Leute ständig in Cafés zusammenhocken, wo es doch hier viel schöner ist", sagt die Diplomatentochter und marschiert, vorbei am Grab von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, zielstrebig auf eine unscheinbare Zypresse zu. "Ach, sind die Bäume schön", schwärmt sie verzückt, "die Toten haben eben einen guten Einfluss auf die Pflanzen."

Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags auf dem Friedhof Montparnasse. Da hat Mademoiselle, eine gebürtige Belgierin, die neben Altgriechisch und Latein fließend Japanisch spricht und fast schon so produktiv ist wie ihr berühmter Landsmann Georges Simenon, bereits ein anstrengendes Arbeitspensum hinter sich. Sie steht nämlich jeden Morgen gegen drei auf, gießt Unmengen von stärkstem Kenia-Tee ("all meine Freunde, die das Zeug tranken, mussten kotzen") in sich hinein und vertraut dann ihre neuesten Einfälle kleinen Karo-Heften an - bis zum Morgengrauen.

14 Jahre geht das schon so. Etwa 50 Romane sind seither entstanden, mehr als sechs Millionen Exemplare wurden allein in Frankreich verkauft. "Ich bin verdammt fruchtbar", sagt die Schreibwütige, "wenn ich über einem Buch sitze, bin ich immer schon mit dem nächsten schwanger." Ihre fröhlich-klugen Schauermärchen (neun davon ins Deutsche übersetzt) sind Messerstechereien in Worten, schockierend und oft zum Brüllen komisch. In "Böses Mädchen", ihrem neuesten Buch, schleicht sich die hundsgemeine Christa in das Leben der unglaublich naiven Blanche ein. Christa zwingt sie, sich nackt auszuziehen, redet ihr ein, hässlich zu sein, tyrannisiert ihre 16-jährige Freundin so lange, bis diese sich völlig entnervt zurückzieht - in ihren "Schreiraum".

Die Autorin geht stets bis zur Schmerzgrenze. Viele ihrer Werke haben autobiografische Züge, handeln vom Horror junger Mädchen beim Eintritt in die Erwachsenenwelt. In ihrem zuletzt auf Deutsch erschienenen Roman "Im Namen des Lexikons" geht es um Magersucht. Eine auf 32 Kilo heruntergehungerte Ballerina namens Pelectrude bricht sich aus Kalziummangel das Schienbein und wird wenig später zur Mörderin - an Amélie Nothomb, ihrer "literarischen Mutter". "Hat mir Spass gemacht, mich von meiner Hauptfigur umbringen zu lassen", sagt die Vielschreiberin, die in Paris längst ein Popstar ist. In TV-Shows tritt sie in einem Clownskostüm auf, ein Graf aus der Normandie hat seine Rosenzüchtung nach ihr benannt, und in Scharen klicken jugendliche Fans ihre Website (mademoisellenothomb. free.fr) an.

Normalität, ja, die gebe es bei ihr auch: einkaufen gehen, Bücher lesen, mit Freunden kochen. "Aber am liebsten", sagt sie, "trinke ich zu viel Champagner und laufe stundenlang durch Paris." Manchmal geht sie noch auf den Friedhof Montmartre, ihren "absoluten Lieblingsgottesacker". Dort fantasiert sich in ihrem berühmten Schocker "Kosmetik des Bösen" ein gewisser Textor Texel eine Vergewaltigung zusammen: "Sie versuchte zu entkommen", geifert er, "aber ich nahm sie auf dem toten Laub. Die Luft war frisch, mein Opfer wehrte sich, der Ort war fantastisch." Sie ist schon sonderbar, die Welt der Amélie. Und notorisch grausam.

Tilmann Müller / print
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