HOME

Buchtipps: Sechs Richtige aus Indien

Ein Hauch von Exotik herrschte in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse. Kein Wunder, Gastland war Indien. Der stern hat die besten Bücher aus dem Land der Maharadschas ausgewählt.

Von Andrea Ritter

Indien - was für ein Land! Neunmal so groß wie Deutschland, mit 625 verschiedenen Sprachen, einer Vielzahl von Religionen und über einer Milliarde Menschen. Ein Land, in dem uralte Bräuche neben modernster Technik bestehen. In dem ein religös motiviertes Kastensystem die gesellschaftliche Ordnung bestimmt und das zugleich, seit der Unabhängigkeit von England im Jahr 1947, eine der größten Demokratien der Welt ist.

Der Bildband "Indien - Einst und jetzt"

Der Bildband "Indien - Einst und jetzt" blickt zurück: zum einen auf die jahrtausendealte Geschichte des Subkontinents, von den ersten Jägern und Sammlern bis zur britischen Kolonialzeit; zum anderen auf Indiens rasante Entwicklung innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte. Ein Buch mit "zwei Seiten" für ein Land mit vielen Gesichtern.

Vir Sanghvi, Herausgeber der renommierten Tageszeitung "Hindustan Times", lebt in Delhi und ist einer der bedeutendsten Journalisten des Landes. In dem Buch zeichnet er die wichtigsten Wendepunkte der jüngeren Vergangenheit nach, so wie er sie erlebt hat: von den Anfangschwierigkeiten der Demokratie, über die Öffnung hin zur Marktwirtschaft bis zur Gegenwart.

Fragt man ihn nach den Eigenschaften, die das Land und seine Bewohner auszeichnen, nennt er vier: Geduld, Optimismus, Humor und Vielfältigkeit. "In vielerlei Hinsicht war Indien recht gut vorbereitet auf das, was für andere Länder - und damit meine ich auch Europa - heute ein Problem darstellt: die Globalisierung. Indien war in gewisser Weise schon globalisiert, bevor es das Wort gab. Zu jeder Zeit sind unterschiedliche kulturelle Strömungen in unser Land gekommen, haben sich dort festgesetzt und sind ein Teil des gesamten großen Mischmaschs geworden. Indien saugt alles ein und macht etwas Eigenes daraus. Wir haben sogar chinesisches Essen, das es nur bei uns gibt." Sanghvi beschreibt das gegenwärtige Indien als ein Land, das nach einer von Armut und politischen Unruhen geprägten Vergangenheit dank einer schnell wachsenden Wirtschaft euphorisch und voller Selbstbewusstsein in die Zukunft blickt. "Die soziale Gerechtigkeit hat sich entschieden verbessert. Besonders die Menschen am Rande der Gesellschaft haben erkannt, dass die Demokratie ihnen tatsächlich etwas bringt. Natürlich gibt es immer noch Probleme -Êaber sie erscheinen endlich lösbar." Die Bilder fangen diese Stimmung ein, ergänzt durch faszinierende historische Aufnahmen, von denen viele bisher unveröffentlicht waren. Und so verführt das Buch gleich zweifach: zu einer exotischen Fernreise - und zu einer Reise durch eine andere Zeit.

Vir Sanghvi, Rudrangshu Mukherjee: Indien - Einst und jetzt, Frederking&Thaler, 274 S., 50 Euro

Grüße aus der Unterwelt

An jeder Kreuzung ein Verkehrsinfarkt, in jeder Gasse ein Menschenauflauf - polizeiliche Ermittlung in Bombay ist Arbeit unter extremen Bedingungen. Muss man mit Ruhe angehen, so einen Job. Und das macht Inspektor Singh auch - bis ihn ein Anrufer aus dem Trott reißt und ihn auf die Spur des größten Unterweltbosses des Landes führt. Mafia und Terror bedrohen Indien; Singh will helfen; verfängt sich aber erst mal in einem Netz aus Korruption, Spionage, fliegenden Händlern, Nachtclubs und Bollywood-Studios. Alles hängt mit allem zusammen, das Gute mit dem Schlechten, die Bösen mit den Wohltätern, nichts ist so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Und genau das macht den Roman so mitreißend.

Vikram Chandra: Der Gott von Bombay, Ü.: B. Heller u. K. Razum, Aufbau, 796 S., 24,90 Euro

Im Namen des Herrn

Wie wird man Fundamentalist, und was steckt dahinter? Kiran Nagarkar zeigt diesen Werdegang als facettenreiche Charakterstudie. Sein Protagonist Zia ist zunächst ein verwöhnter kleiner Junge mit liberalen muslimischen Eltern. Seine anders gesinnte Tante redet ihm ein, er sei ein Auserwählter und müsse verlorene Schafe auf den Weg des Islam zurückbringen - bis er selbst davon überzeugt ist, als Einziger die Wahrheit zu kennen. Er verübt ein Attentat auf Salman Rushdie, das misslingt, wie so vieles in Zias Leben. Er wechselt den Glauben und kämpft in Kalifornien an der Seite von Abtreibungsgegnern. Extremismus, das zeigt Nagarkar in seinem klugen Roman, hat wenig mit Religion zu tun. Aber viel mit gnadenloser Selbstgerechtigkeit. Und mit Dummheit.

Kiran Nagarkar: Gottes kleiner Krieger, Ü.: G. u. D. Bandini, A1 Verlag, 696 S., 28,90 Euro

Hinter den Kulissen

Ashok Banjara will Schauspieler werden. Ein großer Star in Bollywood. Und obwohl er vollkommen talentfrei und nicht besonders gutaussehend ist, gelingt ihm das auch. Kein Wunder, nein, denn sein Vater ist Minister; der Filmproduzent wiederum benötigt da noch so eine Genehmigung, und schließlich soll doch eine Hand die andere waschen É Sashi Tharoors Roman ist eine tragikomische Satire auf das indische Showbiz, in dem dubiose Hintermänner die Strippen ziehen und selbstverliebte Stars zum Spielball von Medien, Mafia und Politik werden. Gleichzeitig liefert er aber auch eine amüsante Persiflage auf Bollywood-Filme, deren Erzählform er in seinem Buch imitiert. Bombastisches Ende, romantische Verwicklungen und gewagte Handlungsstränge inklusive.



Sashi Tharoor: Bollywood, Ü.: P. Knecht, Insel, 414 S., 22,80 Euro

Sinn und Sinnlichkeit

Politische Unruhen verwüsten das Land und finden ihren Weg bis in die verwunschenen Höhen des Himalaya, wo die 16-jährige Sai Jane Austen liest und ihren Lehrer anhimmelt. Wo der alte Richter seine Hündin vergöttert und eine Menge andere wundersame Tiere zu ebenso wundersamen Begegnungen führen. Wo Märchen wahrhaftiger erscheinen, als die Dinge, die tatsächlich geschehen, und Menschen vertrieben und getötet werden. Wo ein Land um seine Seele kämpft, die verloren gegangen ist, versunken im britischen Empire, noch nicht wieder aufgetaucht in der neuen Freiheit. Das Land heißt Indien, und das Buch ist eine Liebeserklärung, wütend, sehnsuchtsvoll und ohne Adressaten. Außer an das Leben, vielleicht.

Kiran Desai: Erbin des verlorenen Landes, Ü.: R. Detje, Berlin Verlag, 431 S., 19,90 Euro

Aus der Reihe getanzt...

...ist die verheiratete Radha, indem sie die zwar zaghaften, aber doch eindeutigen Annäherungsversuche des britischen Schriftstellers Christopher erwidert hat. Der ist eigentlich nach Südindien gekommen, um die Geheimnisse ihres Onkels zu ergründen, eines der berühmtesten Kathakali-Tänzer des Landes. Doch schon bald findet sich Christopher mitten in einer episodenreichen Erzählung wieder - der Onkel will ihm so die neun "Gesichter des Herzens" näherbringen, die das Kathakali-Theater darstellt. Dieser raffiniert komponierte Roman erzählt nicht nur eine Menge über die Bedeutung des Kathakali - er nimmt auch dessen Erzählform auf und spiegelt sie wider in einer verbotenen Liebesgeschichte.

Anita Nair: Kathakali, Ü.: A. Grube, Hoffman und Campe, 528 S., 22,00 Euro

print