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Christine Eichel und Gerhard Meir: "Hilfe, schon wieder eine Szene aus unserem Buch!"

Das Autoren-Duo Christine Eichel und Gerhard Meir bewies mit seinem neuen Werk fast schon seherische Qualitäten.

Eine wunderbare Sache, endlich bewiesen zu bekommen, was man immer schon wusste: Die Literatur ist mächtiger als das Leben! Kaum ist etwas aufgeschrieben, passiert es auch schon! Nach der Lektüre von "Erzähl mir alles!" ist klar: Hinter all den Skandälchen der letzten Monate stecken eine schöne Professorin und ein galanter Star-Figaro - als eine Art Drehbuch-Dreamteam der maroden Wirklichkeiten in dieser Republik.

Denn kaum lag das Roh-Manuskript von Christine Eichel, 43, und Gerhard Meir, 48, beim Verlag, krochen Komplotte, Kokain-Abusus und Kopulationen aller Art sozusagen aus den Roman auf die Titelseiten. "Es war entsetzlich. Jeden Morgen sah ich die Schlagzeilen und dachte: Hilfe, schon wieder eine Szene aus unserem Buch!", sagt Eichel und nippt an einem doppelten Espresso mit kalter Milch, dem Kultgetränk beider Autoren.

So blättert man also durch die Seiten und stößt auf eine Party mit "Koks-Linien wie Kreidestrichen aus einem Kinderspiel auf dem Tisch", landet schwupp in einem Puff ("Alles Supermädels, die haben so gute Rasierer, denen kannst du die Strumpfhose lecken!"), fliegt, beziehungsweise flieht wieder raus, schaut hinter die Spiegel eines Friseursalons und die Fassaden politischen Rhetorik-Trainings, schlängelt sich durch politische und mediale Komplotte, streift private Lügen und dreckige Videos. Uff! Dazwischen selbstverständlich immer wieder Sex in den beliebten Varianten homo/hetero/bezahlt/ freiwillig, alles im Kolorit "der Kellerkind-Attitüde einer ungelüfteten Stadt", so Eichel über ihre Heimat.

In "Erzähl mir alles!" fehlt eindeutig das milde Shampoo auf dem Brennglas, das Promi-Friseur Julian, Meirs Alter Ego, auf die Maschinerie richtet, die eine Gesellschaft der Spaßverpflichteten am Laufen erhält. Das Entschüsseln der wahren Identitäten aller handelnder Personen ist zudem eine nette neue Form des Sommerkreuzworträtsels: Es treten auf Frontschweine aus Medien, Politik, Wirtschaft - meist männlich, selten sympathisch, fast alle korrupt; wie im wahren Leben. Ausnahme: der schnuckelige Benedikt, ein junger Musiker und Lebensgefährte des Haarkünstlers, der auf Politiker lernt.

Neu unter den Pirouetten-Drehern

im Berliner Panoptikum der Peinlichkeiten ist Hans von Ladanyi, fiktiver Polit-Intrigant mit "Nougatblick". Er ähnelt einem christkonservativen Parteimitglied und Telinator, dessen nasale wie tiefer stehende Aktivitäten gerade auf intensives öffentliches Interesse stießen, weswegen er zurück ins Glied trat. Man munkelt (natürlich nur im Roman), er habe zudem eine Seychellen-Spritztour gemacht - mit dem Chef einer anderen kleineren Partei.

Wieder dabei ist der alternde Star-Schreiber mit Faible für bezahlbare Russinnen und der Van-Anderen-Zahlungsmoral (einer, der sich getroffen fühlte, drohte schon nach Erscheinen des ersten Eichel-Meir-Buches "Der Salon" dem Verlags-Chef in der "Paris Bar" lautstark Haue an); ebenso die aufgetunte Alt-Journalistin, die statt Gesicht "die imposanteste Großbaustelle der Stadt" herumträgt.

All die Gerüchte und Groupies

, die in Ermangelung echter Ereignisse durch die Hauptstadt wabern, verwurstet das Autorenpaar gnadenlos zur einer Geschichte, die in Ton und Aktion zwischen Boulette und Soufflé schwankt. Dazu würzen sie kräftig nach mit all dem, was wir richtigen Journalisten natürlich wirklich wissen, all dem, was zwar echt wahr ist, wir aber leider nicht schreiben können, weil uns sonst humorlose Juristen in die Laptops spucken dürften. Eichel und Meir erzählen uns alles, was wir wissen, was wir zu wissen glaubten, immer schon wissen wollten oder zumindest gerne mal geahnt hätten.

Zum Schluss daher noch eine wirklich gute Nachricht: "Der Arbeitstitel von Band drei ist 'Es war einmal'", sagt Meir. Und Eichel fügt hinzu: "So kann man dem Brechreiz langweiliger Events wieder was Literarisches abgewinnen."

Bettina Schneuer

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