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Håkan Nesser: "Ich mag den Tod. Er garantiert eine Geschichte"

Er schreibe vor allem Bücher, keine Krimis, sagt Håkan Nesser. Aber auch im neuen Roman des Bestsellerautors geht es um einen Mord. Da mussten wir nachfragen.

Herr Nesser, warum haben Sie nach zehn Romanen Ihren Kommissar Van Veteren in den Ruhestand geschickt?

Ich hatte das schon sehr früh beschlossen. Bei Krimis ist es ja so: Weil die Handlung naturgemäß viel Platz braucht, bleibt weniger Raum, um die Charaktere zu entwickeln. Van Veteren benötigte also mehr als zwei, drei Bücher, um zu einem kompletten, lebendigen Menschen zu werden. Das ist geglückt, glaube ich. Jetzt aber, nach 3500 Seiten, gönne ich ihm seine Ruhe. Ich habe einmal mit Minette Walters über das Problem der Charakterentwicklung gesprochen, sie erfindet ja in jedem ihrer Krimis einen neuen Ermittler. Ich habe sie gefragt: "Aber erfinden Sie nicht jedes Mal denselben?" Da hat sie gelacht und "Ja!" gesagt.

Ist Ihr neues Buch "Die Schatten und der Regen" denn überhaupt noch ein Krimi? Der Kommissar darf gerade zwei Sätze sagen, der Mord bleibt ungesühnt, und ein Schurke fehlt auch...

Ich schreibe Bücher. Ob dabei Krimis rauskommen, ist mir erst einmal egal. Und ein Mord ist ja auch in diesem Buch zentral. Aber Sie haben Recht: Buchhändler zum Beispiel lieben Kategorien, und bei diesem haben sie in Schweden gefragt, wo sie das Buch denn hinstellen sollen: in die Literatur- oder in die Krimi-Ecke? Ich habe gesagt: in beide. Es gibt ja inzwischen so viele verschiedene Arten von Krimis - da ist es schwer, die Grenzen zu ziehen. Ich habe die hübsche Geschichte eines schwedischen Autors gehört, der im Nebenjob in einer Bibliothek arbeitete. Dort waren alle Krimis mit einem gelben Punkt markiert. Irgendwann hat der Mann begonnen, alle Dostojewski-Romane mit einem gelben Punkt zu bekleben. Und es klappte: Plötzlich begannen die Leute, Dostojewski zu lesen.

Aber warum kaufen die Leute Krimis schon, wenn nur "Krimi" draufsteht?

Es ist der Tod - das ist nun mal die zentrale Frage der Menschheit. Deshalb sind die Menschen von Krimis fasziniert. Sie lesen über den Tod und stellen sich insgeheim Fragen über das Leben. Ich mag den Tod noch aus einem anderen Grund: Er garantiert eine Geschichte: Da ist jemand umgebracht worden. Warum? Von wem? Und schon ist man mitten im Erzählen: Man fängt mit der Leiche an, geht in der Zeit vor und zurück, um sowohl den Toten als auch den Täter einzuführen... Das ist spannend und macht Spaß: dem Schreiber und dem Leser.

Aber die Leute sehen den Tod doch jeden Abend in den Nachrichten - dafür brauchen sie keine Krimis.

Da ist ein Unterschied: Die Fernsehtode sind willkürlich und grundlos - erklären Sie mir den Sinn von toten Zivilisten im Krieg? Im Krimi wird nicht ohne Grund gestorben. Außerdem enthalten die meisten Krimis auch ein Stück Moral - ich versuche, das immer hineinzubringen: Gerechtigkeit, wenn der Mörder gefasst wird. Oder ein Mistkerl, der getötet wird. Auf jeden Fall versuche ich zu vermitteln: Was immer du tust, es hat Konsequenzen.

Ist ein Krimi-Plot für den Autor, für Sie, eine Hilfe? Immerhin haben Sie einen festen Rahmen, in dem Sie sich dann frei bewegen können.

Manchmal ist es das, ja. Andererseits habe ich immer die Verpflichtung, die Krimi-Handlung auch ordentlich zu Ende zu bringen. Ich habe nach den Van- Veteren-Romanen beschlossen, nie wieder das ganze Polizei-Prozedere aufzuschreiben. Die Verhöre, die Diskussionen mit den Kollegen, nein, das mag ich nicht mehr. Andererseits: Ob ich das durchhalte, weiß ich nicht. Es könnte der Punkt kommen, an dem ich am Schreibtisch sitze und "Polizei!" rufe. Jedenfalls glauben Sie an die Kraft der Familiengeschichte - in Ihrem neuen Buch stehen zwei Brüder und eine Schwester im Vordergrund. Sagen wir so: Wenn ich die Wahl zwischen einer Familiengeschichte habe und der inzwischen allfälligen Gesellschaftskritik - dann nehme ich lieber die Familiengeschichte.

Was haben Sie gegen Gesellschaftskritik? Damit sind doch die ersten Schwedenkrimis von Per Wahlöö und May Sjöwall berühmt geworden...

In den Siebzigern war das noch glaubhaft. Heute sagt doch jeder zweite Krimi-Autor: Eigentlich schreibe ich ja nur Krimis, weil ich in diesem Genre so schön die Gesellschaft kritisieren kann. Nach dem Motto: Wenn in der Kindheit des Mörders eine andere Regierung an der Macht gewesen wäre, hätte der Mann sich anders entwickelt... Ich finde solche Geschichten meist nicht überzeugend. Okay, eine Ausnahme: John le Carré und seine großen Verschwörungen. Der bekommt das immer wieder toll hin.

Haben Sie deshalb ihren Kommissar Van Veteren in einem fiktiven Land arbeiten lassen?

Das war ein Grund. Aber ich wollte ebenfalls nicht, dass der Hintergrund vom eigentlichen Drama ablenkt. Wie ja auch antike Dramen im Theater am besten auf einer sehr leeren Bühne wirken.

Dafür fließt im modernen Theater gern mal Blut. Welche Rolle spielt Gewalt in Krimis?

Bei mir liegt die Gewalt zwischen den Zeilen, ich sehe keinen Grund, das zu ändern. Im Moment gibt es aber eine Tendenz zu mehr, zu expliziter Gewalt im Krimi. Diese Bücher verkaufen sich sehr gut, das liegt bestimmt am Element des Grauens, das man sich vom warmen Wohnzimmer aus anschaut. Davon haben Krimis schon immer gelebt.

Interview: Stephan Draf

Verdächtig gut: Bald startet die stern-Krimi-Bibliothek

Håkan Nesser ist mit seinem preisgekrönten Debüt von 1993, "Das grobmaschige Netz", einer der Top-Autoren der neuen stern-Krimi-Bibliothek. Die präsentiert vom 1. Dezember an 24 Höhepunkte des Genres. Mit dabei: die besten Bücher von Großmeistern wie Patricia Cornwell, Robert Harris, Minette Walters, Michael Connelly und Elizabeth George, aber auch Entdeckungen wie Garry Disher, Robert Crais und Jan Costin Wagner. Jede Woche erscheint jeweils ein Hardcover-Band, der im stern von unseren Redakteuren und Krimi-Kennern Thomas Schumann und Kester Schlenz vorgestellt wird. Die beiden haben die 24 Romane auch für Sie ausgewählt. Jedes Buch kostet 6,95 Euro, die gesamte Edition 129 Euro.

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