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Indische Romane: Auf der Schnittfläche der Kulturen

Immer mehr indische Autoren erzählen mit großer Fantasie und sprachlicher Ausdruckskraft vom Bruch mit alten Traditionen. Ein Überblick über neue Literatur.

Arundhati Roy hat es vorgemacht: Ihr Roman «Der Gott der kleinen Dinge» wurde nicht nur ein Weltbestseller, sondern lenkte auch das Interesse der Leser auf ihr Heimatland Indien. Dort gibt es immer mehr Autoren zu entdecken, deren erzählerische Fantasie und sprachlichen Ausdruckskraft besticht. Viele von ihnen thematisieren den Bruch mit alten Traditionen. «Sie schreiben auf der Schnittfläche der Kulturen», sagt Martin Spieles, Sprecher des S. Fischer Verlags, Frankfurt. Auch Angela Volknant, Lektorin beim Verlag Hoffmann und Campe in Hamburg sieht in der jungen literarischen Szene Indiens «ein wahnsinniges Potenzial», das zu nutzen die deutschen Verlage erst begonnen haben.

Konfliktreiche Familiengeschichten

Unter den neuen Romanen indischer Autoren, die in diesem Herbst erschienen sind, wird Rohinton Mistrys Buch «Die Quadratur des Glücks» bereits jetzt als «Meisterwerk» bewertet. Es ist eine schonungslose Familiengeschichte, die der heute in Kanada lebende Mistry erzählt: In der Millionenstadt Bombay lebt der alte Nariman Vakeel mit zwei seiner Kinder ein relativ sorgloses Leben. Das ändert sich aber, als nach einem Sturz pflegebedürftig wird. Sohn und Tochter schieben Nariman auf die jüngste Schwester Roxana ab, deren Familie fortan gezwungen ist, ihre winzige Wohnung mit dem Großvater zu teilen. Konflikte bleiben nicht aus. Die mühsam aufrecht erhaltene Harmonie in der Familie zerbricht, und auch Roxanas Ehe droht an den Belastungen zu scheitern. Der Roman zeigt die Unvollkommenheit der menschlichen Natur und ist zugleich ein eindrückliches Dokument über die Gegenwart auf dem Subkontinent.

Flucht vor den Konventionen

Einen Roman über Frauen und für Frauen hat die junge Autorin Anita Nair aus Bangalore geschrieben. In «Das Salz der drei Meere» reist die 45 Jahre alte Akhila das erste Mal in ihrem Leben ohne Begleitung an die Küste - auf der Flucht vor den strengen Konventionen der Gesellschaft, vor den Erwartungen, die ihre Familie an die Unverheiratete stellt. Im Zug trifft Akhila andere Frauen, und während der langen Nachtfahrt erzählen sich die Passantinnen ihr Leben. Nairs zweiter Roman gibt tiefe Einblicke in das Leben von Frauen im modernen Indien, zeigt ihre mühsam erkämpften Möglichkeiten und die Grenzen, die Tradition, Religion und Konvention immer noch ziehen.

In den Fesseln der Erinnerungen

Der erste Roman der 35 Jahre alten Autorin wird ebenfalls im kommenden Februar in Deutschland erscheinen. «Ein besserer Mann» ist die Geschichte eines alternden Mannes, den es nach der Pensionierung wieder in das Dorf seiner Kindheit verschlägt. Doch ein ruhiger Lebensabend bleibt ihm dort verwehrt. Plötzlich verfolgen ihn wieder die Geister der Vergangenheit: Er denkt an die Mutter, die der tyrannische Vater früh wegen einer anderen Frau verstoßen hat. Und er findet keine Ruhe bei dem Gedanken, den Erwartungen des Vaters nicht genügt zu haben. Erst die Freundschaft mit einem Mann des Dorfes befreit ihn von den Fesseln seiner Jugenderinnerungen.

Ringen um Identität

Der Schriftsteller Hari Kunzru ist der Sohn einer Engländerin und eines Inders. Seit seiner Geburt lebt er zwischen den Kulturen. Sein Debütroman «Die Wandlungen des Pran Nath» gilt bei einigen Kritikern als literarische Entdeckung der Saison. Die «Times» sieht Kunzru in einer Linie mit Salman Rushdie. Der Roman ist ein historisches Epos aus dem Indien an der Wende zum 20. Jahrhundert, gespickt mit Geschichten und Abenteuern, die von der Fantasie und der Erzählkunst des Autors zeugen. Wie in vielen anderen indischen Romanen ist auch hier das Ringen um Identität in einer kulturell zerrissenen Welt das zentrale Thema.

Shashi Tharoor entfaltet die Handlung seines Romans «Aufruhr. Eine Liebesgeschichte» vor dem Hintergrund von Auseinandersetzungen zwischen Moslems und Hindus. Es ist die Geschichte der Liebe einer Amerikanerin zu einem hohen indischen Beamten, der durch Ehe gebunden ist. Zugleich ist es das Sittenbild des heutigen Indiens, mit all seinen Widersprüchen, Mythen und realen Konflikten. «Wunderschön und tieftraurig» ist nach Ansicht britischer Kritiker das Erstlingswerk von Jay Basu, Sohn einer Inders und einer Polin. «Die Sterne können warten» handelt vom Überlebenskampf einer polnischen Familie zur Zeit der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Das Buch besticht vor allem durch seine klare und dennoch lyrische Sprache.

Lesestoff:

Jay Basu: Die Sterne können warten, Diana Verlag, 224 Seiten, 16 Euro
Hari Kunzru: Die Wandlungen des Pran Nath, Karl Blessing Verlag, 500 Seiten 24,90 Euro
Rohinton Mistry: Die Quadratur des Glücks, Krüger Verlag, 688 Seiten 24,90 Euro
Anita Nair: Das Salz der drei Meere, Hoffmann und Campe, 352 Seiten, 21,90 Euro
Anita Nair: Ein besserer Mann, dtv, 340 Seiten, 15 Euro
Shashi Tharoor: Aufruhr. Eine Liebesgeschichte, Insel Verlag, 350 Seiten, 24,90 Euro

DPA