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Interview DBC Pierre: Unglaublich angepisst

Wir können mit mehr fertig werden, als wir glauben, behauptet Skandalautor DBC Pierre - trotz Klimakatastrophe, Kapitalismus, Krieg. Nur: Von der Politik haben wir dabei nichts zu erwarten.

DBC Pierre, in Ihrem aktuellen Roman zeigen Sie die Welt als Schreckensszenario: Bürgerkrieg, Gewalt und Armut im Osten, während der radikalisierte Kapitalismus die englischsprachigen Staaten entmenschlicht. Wollen Sie uns demonstrieren, dass wir die globalisierte Welt als Einzelpersonen nicht mehr verbessern können?

(lacht) Das ist doch eine wertvolle Erkenntnis! Zumindest ist uns dann die quälende Frage abgenommen, was wir unternehmen sollten. Wir haben kein schlechtes Gewissen mehr. Nein, es mag ja sein, dass mein Roman pessimistisch und hoffnungslos ist, aber das deckt sich nicht mit meiner persönlichen Einschätzung. Eigentlich bin ich optimistisch. Vermutlich fahren wir die Welt noch eine Zeit lang an die Wand - aber dann werden wir ein neues Stadium erreichen, in dem alles besser wird.

Woher nehmen Sie denn diesen Glauben?

Wenn man die Entwicklung der Menschheit auf die Geschichte überträgt, waren wir im Mittelalter vielleicht neun oder zehn. Heute haben wir wohl die Adoleszenz erreicht und benehmen uns, als wären wir 13 oder 14. Wir haben das Gefühl, wir sollten jede Nacht um die Häuser ziehen und das Auto unserer Eltern fahren. Wir führen große Reden, plustern uns auf, aber im Endeffekt wissen wir noch überhaupt nichts. Wir fühlen uns befreit und emanzipiert wie 14-Jährige auf einer Party, die zum ersten Mal Brüste anfassen. Das macht uns gefährlich, rücksichtslos und unbekümmert. Wenn wir uns aber weiterentwickeln, werden wir umsichtiger und verhaltener.

Aber alle reden doch von der verlängerten Adoleszenz. Da müssen wir wohl noch eine ganze Weile auf Verbesserungen warten, oder?

Stimmt, die Adoleszensphase soll oft erst mit 30 enden. Deswegen werden wir auch noch viele Dummheiten begehen und einiges an Unglück produzieren. Trotzdem will ich Hoffnung auf die Zeit danach machen. Wir können mit mehr fertig werden, als wir oft glauben!

Glauben Sie denn an Politik als Mittel zur Problemlösung?

Ganz und gar nicht! Erinnern Sie sich noch an den C64-Computer? Wir haben Politik und ihre Institutionen nach dem Prinzip des vertikalen Denkens strukturiert. Aber meiner Meinung nach ist das Konzept des vertikalen Denkens mit dem C64 vergleichbar. Um weitermachen zu können, benötigen wir neue Software. Winston Churchill hat mal gesagt: "Demokratie ist die schlechteste Regierungsform - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind." Ich denke, dieser Satz trifft noch immer zu. Aber wir sind zu stark abgerückt vom ursprünglichen Modell, es fehlen stärkere Machtausgleiche und Beteiligungsmöglichkeiten. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Prozent der amerikanischen Bevölkerung den Irakkrieg wirklich befürworten. Dabei macht mich gar nicht so sehr wütend, dass diese Dinge passieren. Schlimmer ist, dass wir uns daran gewöhnt haben und nicht mehr überrascht sind. Deswegen ist Politik eine Zeitverschwendung, die vor allem Narzisse und Großmäuler anzieht.

Würde es nicht schon besser laufen, wenn wir all die Bushs und Blairs dieser Welt durch verantwortungsbewusstere Politiker ersetzten?

Selbst wenn ein guter Mann an der Spitze der Regierung stünde, würde es nicht viel besser aussehen. Er könnte keine Veränderungen durchsetzen, da ihn das System nicht unterstützt. Wenn wir ernsthaft darüber nachdenken wollen, wie wir unsere Ideale umsetzen können, müssen wir neu strukturieren. Unsere derzeitige Regierungsform ist einfach zu leicht zu korrumpieren.

Wie könnte denn Ihrer Meinung nach ein gerechteres Modell aussehen?

Weil ich auf diese Frage keine Antwort weiß, bin ich Schriftsteller geworden. Ich kann nur beobachten und die Probleme benennen.

Halten Sie mich für einen Träumer, wenn ich mich beispielsweise in einer Umweltorganisation gegen das Waldsterben engagiere?

Ganz und gar nicht. Auch, wenn ich auf eine große Veränderung warte, ist es trotzdem wichtig, dass wir in Detailfragen kämpfen. Innerhalb eines gewissen Rahmens kann man mit Organisationen sicherlich Veränderungen erwirken. Das ist bestimmt effektiver als die traditionellen parteipolitischen Wege. Die erste Greenpeace-Generation hat beispielsweise überhaupt erst dafür gesorgt, dass ökologische Fragen in der Politik zum Thema gemacht wurden. Resignation hilft überhaupt nicht weiter. Jeder sollte aufstehen und versuchen, seine Träume umzusetzen.

Vor Ihrer Schriftstellerkarriere haben Sie viele andere Jobs gemacht. Sie waren sogar in der Werbebranche tätig…

Ja, ich habe zwei Jahre als Gestalter gearbeitet. Das war der einzige Job, den ich in den 90ern hatte.

Dann haben Sie damals an die Idee der globalisierten New-Economy-Welt geglaubt?

Prinzipiell bin ich auch heute noch davon überzeugt, nur hält sich in der Realität ja niemand an diese Idee. Eigentlich ist Globalisierung doch ein Geflecht von Verbindungen innerhalb der Englisch sprechenden Welt. Lassen Sie uns über Großbritannien sprechen, wo dieses Wort so unglaublich oft verwendet wird. Tatsächlich war Großbritanniens Außenhandel vor hundert Jahren weitaus reger, als er es heute ist. Da fragt man sich doch, warum sie dieses Wort so überstrapazieren. Globalisierung kann doch nicht meinen, dass wir unsere Sachen in andere Länder bringen und gleichzeitig deren Waren einsacken können. Eigentlich können wir erst von Globalisierung sprechen, wenn eine Fast-Food-Kette aus Ghana nach Großbritannien kommen kann. Ansonsten ist es einfach eine schöne Umschreibung für Ausbeutung.

Also ist Globalisierung ein anderes Wort für Kolonialisierung?

In der Welt hat sich nichts verändert, wir haben einfach nur ein neues Wort. Wenn ich in meinen Büchern als Pessimist rüberkomme, dann liegt das einfach daran, dass ich unglaublich angepisst bin. Das Gefälle zwischen unserem Verhalten und der Art und Weise, wie wir unser Verhalten darstellen, pisst mich an. Wir tun so, als wären wir sanftmütig, liberal und menschenfreundlich. Ich schreie den Fernseher an, wenn ich Typen wie Blair sehe, die uns so gigantische Lügen auftischen. Wir helfen eben nicht und fördern den Wiederaufbau in anderen Ländern, sondern wir monopolisieren die Gewalt. Das haben wir schon immer getan, aber jetzt machen wir es mit einer neuen Scheinheiligkeit.

Aber sind nicht zumindest das Internet und der freie Zugang zu Informationen ein großer Vorteil der Globalisierung?

Das Internet und andere technische Entwicklungen sind da nur Nebenschauplätze. Außerdem machen sich die neuen Nachrichtenmedien mitschuldig. Dazu muss man gar nicht wilde Verschwörungstheorien aufstellen, das liegt einfach in der Natur dieser Medien. Es gibt eben keine Realityshow, die eine Kamera in einem durchschnittlichen Haushalt im Irak hat. Das dürfen sie nicht zeigen, denn dann würden wir den Terror sehen, den wir selbst in die Welt tragen.

In "Bunny und Blair" beschreiben Sie extrem gewalttätige Szenen. Nutzen Sie damit nicht auch die Arbeitsweise der Medien, die bewusst schockieren, um Aufmerksamkeit zu bekommen?

Ich habe mich noch nie hingesetzt und überlegt, wie ich meine Leser erschüttern kann. Für "Bunny und Blair" bin ich aus Recherchegründen in den Kaukasus gereist. Verglichen mit der Realität in dieser Region sind die Szenen in meinem Roman geradezu lächerlich. Wenn ich die Realität eins zu eins abgebildet hätte, dann wäre das Buch wahrscheinlich niemals veröffentlicht worden.

Verraten Tabus in unserer angeblich tabulosen Welt die wirklich wichtigen Themen?

Unbedingt! Gerade neue Tabus funktionieren wunderbar als Alarmglocken. In Großbritannien kann man das zurzeit anhand der Terrorismusdiskussion beobachten. Der Terrorismus dient den reaktionären Kräften des Landes als Mausefalle. Stellen Sie sich doch nur mal vor, ich würde ein Buch schreiben, in dem ich einen Terroristen mitfühlend beschreibe. Wenn ich sein Schicksal darstelle, um nachzuvollziehen, warum aus ihm ein Terrorist wurde, dann wäre das unter unserer jetzigen Regierung ein Verbrechen. Natürlich ist es ein Luxusleiden, doch manchmal frage ich mich schon, wie ich als Schriftsteller mit dieser Welt umgehen soll. Selbst die Satire haben wir verloren, weil die Realität zu verrückt ist.

Interview: Carsten Schrader