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Interview mit Wally Lamb: "Wer überlebt, leidet"

In seinem neuen Roman beschäftigt sich Wally Lamb mit den Folgen des Amoklaufs in Littleton vor zehn Jahren. Im stern.de-Interview erzählt der Bestsellerautor von seinen Erfahrungen mit den Überlebenden - und wie es ist, plötzlich dem Vater eines Amokläufers gegenüberzustehen.

Der Bestsellerautor Wally Lamb ("Die Musik der Wale") setzt sich in seinem neuen Roman "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" mit dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton, Colorado, auseinander, der sich am 10. April zum 10. Mal jährt: Maureen Quirk, seine Protagonistin, arbeitet an der Columbine High School, sie ist in der Bibliothek, als die ersten Schüsse fallen, und überlebt, weil sie sich in einem Schrank versteckt. Lamb, 58, hat neun Jahre lang an diesem Buch gearbeitet und sich intensiv mit den psychischen Folgen für die Zeugen einer solchen Gewalttat beschäftigt.

Mr. Lamb, vergangene Woche tötete ein Schüler in Deutschland 15 Menschen und am Ende sich selbst...

... ja, grausam. Es tut mir sehr leid, was geschehen ist. Ich hoffe, dass die Überlebenden jetzt die richtige Hilfe bekommen: Es darf nicht zugelassen werden, dass die Tat von Tim noch mehr Opfer fordert, dass er ihre Leben zerstört, weil diese von psychischen Problemen dominiert werden.

Was ist jetzt richtig, was ist falsch im Umgang mit den Überlebenden?

Wer so eine Tat überlebt, hat häufig mit dem Posttraumatischen Stress-Syndrom zu kämpfen. Ich bin kein Therapeut, aber ich weiß, dass die erste Reaktion wichtig ist; natürlich kann niemand so ein Erlebnis auf die Schnelle verarbeiten, aber wenn ein Mensch von Anfang an richtig behandelt wird, kann er auch geheilt werden, zum Beispiel in einer Gesprächstherapie, die immer wieder zurückgeht zu dem Vorfall, ihn aufarbeitet. In der gelernt wird, Zeichen zu erkennen, die auf posttraumatischen Stress hindeuten. Wird damit nicht gleich begonnen, besteht die Gefahr der Entfremdung, dass sich das Ganze auf eine zweite Ebene verlagert: Der Mensch verschließt sich und entwickelt psychosomatische Reaktionen. Und so weit darf es nicht kommen. Sonst wird es sehr schwierig, das Erlebte zu verarbeiten und darüber hinweg zu kommen.

Kommen die Schuldgefühle automatisch: Warum habe ich überlebt und die anderen nicht?

Diese Schuldgefühle gibt es häufig. Wer überlebt, leidet und fragt sich, warum er leidet, da er doch eigentlich glücklich sein sollte, noch zu leben. Das ist ein Gefühlschaos, aus dem viele Fragen entstehen, auch die: Warum ich, warum andere nicht? Die Menschen dürfen sich nicht allein fühlen mit ihren Gedanken, und Schuldgefühle sind ja nur ein Teil davon: Jedes laute Geräusch, das unerwartet auftritt, kann auslösen, dass sie zurückgeworfen werden in den Moment des Traumas, und ihre Erfahrung noch einmal durchleben. Das muss furchtbar verängstigend sein. Es klingt jetzt sehr einfach, aber bei allem hilft nur: darüber reden. Es gibt Gruppen von Überlebenden, die dazu immer wieder zusammen kommen.

Welche Antworten haben die Überlebenden von Columbine gefunden auf ihre Fragen?

Verschiedene. Manche erklärten sich ihr Überleben mit Zufall, andere glaubten an eine höhere Macht, an eine Vorhersehung Gottes. Vor drei oder vier Jahren begegnete ich einer jungen Frau, die das Massaker überlebt hatte und nun an der Ostküste entlang tourte und in Kirchen sprach: Sie meinte, Gott habe entschieden, dass sie überleben und darüber herausfinden solle, wie sie ihr Leben gestalten wolle. Sie fühlte, dass ihre Mission sei, die Botschaft "Liebet einander!" durch das Land zu tragen und ein religiöses Leben zu führen. Aber wie Menschen auf so ein Schulmassaker reagieren, das hat auch damit zu tun, wie ihre Leben vorher verlaufen sind und was sie gelernt haben.

Manche kommen leichter darüber hinweg als andere?

Das ist wie mit Soldaten, die aus einem Krieg zurückkehren. Nehmen Sie die Vietnam-Veteranen hier: Sie alle haben furchtbare Erfahrungen gemacht, manche kamen zurück, heirateten, wurden Väter und lebten ein ruhiges Familienleben. Andere wurden damit bis heute nicht fertig.

Wie geht es den Eltern der beiden Täter von Columbine, haben Sie mit denen gesprochen?

Ich kam über mein Buch in Kontakt mit dem Vater von Eric Harris, einem der Täter: Im vergangenen November war ich auf Lesereise, und da kam er zu meiner Lesung in Denver. Ich signierte Bücher, und plötzlich stand er vor mir und fragte mich, ob ich finde, dass Erics älterer Bruder meinen Roman lesen sollte. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ich war so überrascht, ihn zu sehen. Ich reichte ihm meine Hände, er nahm sie, und so verharrten wir 30 Sekunden. Ganz still. Dann sagte ich, ich habe keine Antwort für ihn. Und er sagte: Ich habe auch keine Antworten, ich suche seit zehn Jahren danach.

Interview: Ulrike von Bülow

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