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Buchkritik

"Die Orient-Mission des Leutnant Stern": Verkehrte, wirkliche Welt

Jakob Heins neuer Roman "Die Orient-Mission des Leutnant Stern" bringt durcheinander, was durcheinander gehört.

Von Britta R. Kollberg

Jakob Hein: "Die Orient-Mission des Leutnant Stern"

Jakob Hein: "Die Orient-Mission des Leutnant Stern"

Aberwitzig - dies ist das Gefühl, mit dem die Leserin "Die Orient-Mission des Leutnant Stern" beendet und das ihre schockierende und kuriose, im modernsten Sinne komische Reise durch die zeitgenössische Welt zusammenfasst. Denn auch wenn es im Ersten Weltkrieg spielt, reicht das neue Buch von Jakob Hein mitten hinein ins Heute, in aktuelle Bedrohungen, Debatten und Selbst- wie Fremdbilder.

Wer heute behauptet, dass der Islam ganz und gar nicht zu Deutschland gehöre, wer den Völkermord an den Armeniern allein den Tätern anlastet und die Mitwisser vergisst, die sich selbst als "Spielfiguren" bedauern, die "auf einem riesigen Spielfeld hin- und hergeschoben" werden, der sollte dieses Buch lesen: Leicht verdaulich wie ein Schelmenroman kommt es daher und stellt eine verkehrte Welt her - in der die deutsche Küche besser ist als die französische, marokkanische Berber als Araber verkleidet werden und deutsche Militärs den Jihad zu organisieren versuchen.

Verstörenden Einblick in die Geschichte

"Aber" und witzig, möchte man da mit jedem neuen Kapitel sagen. Und doch bietet der Roman einen zwar amüsanten, zugleich aber zutiefst verstörenden Einblick in die deutsche, türkische, marokkanische, arabische, französische und europäische Geschichte. Vor allem jedoch in die Geschichte des Islam und seiner Verbindung mit Deutschland. Und als immer wiederkehrende Seitennotiz in die Rolle der Minderheiten im Spiel der Weltmächte. Wie in der Realität scheinen Letztere immer wieder am Rande der Erzählung auf, in Verfolgungen, abfälligen Kommentaren, Selbstverleugnung und Selbstbehauptung.

Jakob Hein: "Die Orient-Mission des Leutnant Stern"

Jakob Hein: "Die Orient-Mission des Leutnant Stern", Galiani Berlin, 256 Seiten, 18 Euro.

Dass das Deutsche Reich Anfang des 20. Jahrhunderts versuchte, einen "Weltaufstand der Muslime" zu initiieren, um einen Vielfrontenkrieg für seine Feinde zu erzeugen, ist im 21. Jahrhundert so unglaublich wie offenbar wahr und doch gänzlich unbekannt. Dass dieser heute als reale und vielfach benutzte Drohgebärde Politik steuert, zieht sich durch das Buch bis hin zu fast unmerklichen Randnotizen in den Paralipomena im Anhang.

Dies ist eines der Bücher, in denen es unbedingt lohnt, den Anhang zu lesen. Denn dessen Informationen dazu, was aus Orten und Personen weiter geworden ist, setzen die kuriose Reise fort – umso beunruhigender, als es sich hier um ungefilterte Fakten handelt. Da hilft es nichts, wenn uns Hein im allerletzten Satz mit dem Hinweis darauf verlässt, dass seine Figur des Leutnant Stern eine fiktionale sei. Zu viel Reales, zu viel tatsächliche Weltgeschichte im Sinne von Welt und im Sinne von Geschichte, die bis in den heutigen Tag reicht, sind in diese Fiktion verwoben.