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Krimi: Mysteriöser Mord in Jerusalem

24 mörderisch gute Romane. Ausgewählt von den stern-Krimi-Experten. Heute: "Denn am Sabbat sollst du ruhen", der Roman der Israelin Batya Gur, verfügt über alle Zutaten, die intelligenten Krimi-Lesern so munden.

"Michael schloss die Tür. Im Schein der großen Lampe, die den Vorraum beleuchtete, sah Michael das bleiche Gesicht des Alten. Sein zusammengepresster Mund drückte aus, was sie beide bereits realisiert hatten: Jemand war ihnen zuvorgekommen."

(Batya Gur: "Denn am Sabbat sollst du ruhen")

Gestern hat uns eine wirklich nette Leserin aus dem Saarland angerufen, uns gelobt für die Auswahl der stern-Krimi-Bibliothek, um dann doch ein wenig zu kritteln: Sie habe nun Robert Crais und Garry Disher zu Ende gelesen, "aber hallo", da gehe es ja heftig zur Sache, für ihren Geschmack etwas zu blutig, und ob wir nicht zur Abwechslung mal wieder so ein richtig schönes "Whodunnit" im Angebot hätten, einen ordentlichen Mord, eine ordentliche Tätersuche, was Tolles zum Kombinieren, "in etwa wie bei Agatha Christie oder P. D. James, bloß bitte nicht so arg plüschig".

Erstens, liebe Frau T.: Respekt vor Ihrem Sachverstand. Und zweitens: Genau das haben wir im Angebot!

"Denn am Sabbat sollst du ruhen", der Roman der Israelin Batya Gur, verfügt über alle Zutaten, die intelligenten Krimi-Lesern so munden. Da ist eine geheimnisvolle Tote, hier die zu Lebzeiten ebenso berühmte wie attraktive Analytikerin Eva Neidorf. Da ist ein geschlossener Zirkel von Verdächtigen, hier die Mitglieder der Psychoanalytischen Gesellschaft Jerusalems. Da ist der Ermittler, hier Inspektor Michael Ochajon, der sich, stellvertretend für uns, in einem sehr fremden Kosmos zurechtfinden muss. Und da ist ein ungewöhnlicher Schauplatz, hier die Stadt Jerusalem, bislang nun wirklich nicht die Hauptstadt der Krimi-Literatur.

Batya Gur zaubert aus diesen Ingredienzien ein spannendes Stück Unterhaltung, führt uns das ein und andere Mal geschickt in die Irre, lässt uns mitfiebern und mitknobeln bis zum guten Schluss. "Denn am Sabbat sollst du ruhen", 1992 zum ersten Mal in Deutschland erschienen, kommt ohne vordergründige Grausamkeit daher - Batya Gur schrieb aber beileibe keinen altmodischen Krimi. Im Gegenteil. Vor allem liegt das an der sehr realistischen Zeichnung ihres Inspektors Ochajon: ein Mann aus dem Leben, kein Überbulle oder Superschnüffler, sondern ein nervöser, kettenrauchender Skeptiker, dem der Sohn und die Liebe mächtig zusetzen, gerade als er es am wenigsten brauchen kann. Das liegt ebenso an der faszinierenden Zeichnung Jerusalems und seiner Bewohner wie an der klugen, aber nie aufdringlichen Einführung in Geschichte und Methoden der Psychoanalytik. 350 Seiten lesen sich da weg wie nichts - und mit großem Gewinn.

Insgesamt vier Ochajon-Krimis

hat Batya Gur geschrieben, hoch gelobt und preisgekrönt, dazu weitere Romane, Jugend- und Sachbücher. Die Autorin, die auch als Literaturkritikerin und Lektorin arbeitete, ist im vergangenen Mai im Alter von 57 Jahren gestorben.

Unser Fazit. Ein klassischer Krimi einerseits: Aufregung, Mord, falsche Fährten, überraschendes Finale. Intelligenter Stadtführer andererseits: Auf den Spuren von Inspektor Ochajon lernt man Jerusalem auf clevere Art ziemlich gut kennen.

Thomas Schumann/Kester Schlenz / print
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