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Mein Leben als Mensch (Teil 58): Spielen im Konjunktiv

Manchmal sitze ich am Schreibtisch und versuche mich an meine Kindheit zu erinnern. Wie es gekitzelt und geschmerzt hat, wenn ich mir den Schorf alter Wunden vom Knie geknibbelt habe.

Von Jan Weiler

Wie ich mit dem Fahrrad durch die Siedlung gejagt bin auf der Suche nach Abenteuern. Wie der Käfer schmeckte und wie es sich angefühlt hat, im warmen Regen zu duschen. Es ist schwer, sich noch einmal in diese Wonnen einzufühlen. Ich habe schon seit zwanzig Jahren keinen Schorf mehr auf den Knien gehabt, fahre nur mit festen Zielen auf dem Fahrrad, käme nie auf die Idee, einen Käfer zu essen, und wenn es regnet, gehe ich rein. Das macht es mühsam, den Gefühlen, den Farben und Gerüchen von vor dreißig Jahren nachzuspüren. Manchmal fallen mir Bilder ein. Wie sich mein Freund einmal den Arm gebrochen hat und ich voller Sorge für ihn war. Wie wir im Sommerlicht auf einem Hügel saßen, lange Grashalme kauten und Kakao tranken, die Schokolade war auf den Grund gesunken, und wir rührten mit einem Zweig darin herum. Wie der Vorderreifen meines Rades ein Ei hatte und der Schlauch beim Fahren rhythmisch an der Bremse entlangschleifte: pft, pft, pft.

Unter größter Konzentration gelingt es mir, Einzelheiten zurückzuholen. Aber es sind bloß knappe Szenen, nichts womit sich Kindheit noch einmal erfahren ließe. Meine Kindheit ist mir mit den Jahren abhandengekommen. Ich weiß, was ich wissen muss, um mit meinem Steuerberater zu sprechen, aber welche Ängste ich hatte, als einmal mein linker Gummistiefel in einem moosgrünen, stinkenden Froschtümpel verschwand und ich nur einseitig bestiefelt nach Hause kam, das weiß ich nicht mehr. Ich ahne, dass es ähnliche Befürchtungen waren wie heute in Gesprächen mit dem Steuerberater. Zwei Türen weiter spielt Nick selbstvergessen in seinem Zimmer. Genau wie ich früher. Aber seine Spiele sind mir ein Rätsel. Ich beherrsche "Uno" und "Mensch ärgere Dich nicht" und "Elfer raus". Natürlich spiele ich mit ihm Fußball und schubse ihn auf der Schaukel an, sodass er fast bis aufs Dach fliegt. Aber was er da in seinem Zimmer spielt, das findet in einem anderen Universum statt, und zu dem haben Erwachsene keinen Zutritt. Er baut mit Lego, macht Geräusche, spricht mit verstellter Stimme seine Figuren, sie haben wunderliche Namen wie "Stinkefuß" oder "Käsemann" und erleben Abenteuer jenseits aller physikalischen Grenzen.

Lange Steine für einen Dachstuhl

Ich klopfe vorsichtig und trete ein. "Was machst du?", frage ich ihn. Nick freut sich über meinen Besuch und erklärt mir, was er da gerade gebaut hat, nämlich eine Garage für seine Exo-Force-Fahrzeuge, allerdings mit angebautem Gefängnis für die Bösen und einem Wachturm. Außerdem sei da auf der Zinne ein "Schießer", und unten im Hof befände sich ein "Feuerkugelwerfer", der alle zu Knochengerüsten verschmurgeln könne, die in die Nähe seiner Garage kämen. Zum Beweis zeigt er eine Lego-Skelett-Figur. "Deine Garage hat kein Dach. Wenn es regnet, werden deine Autos nass, und dann kannst du sie genauso gut draußen parken", sage ich. Ich bin eben erwachsen, was soll ich machen? "Baust du ein Dach?", bittet mich Nick. Also setze ich mich auf den Boden und beginne eine waghalsige Dachkonstruktion. Gewagt deshalb, weil wir zu wenig lange Steine haben. Man braucht lange Steine für einen Dachstuhl. Egal, das wird schon. Ich baue mit Achtern, das sind Steine mit acht Knöpfchen. Es geht nicht mit den Sechsern, die sind zu gar nichts nutze, aber mit Achtern klappt es ganz gut. Nick hilft mir, wir sind ein gut eingespieltes Team. Er sucht Achter, und ich verbaue sie, bis das Dach zu ist. Dann sagt Nick: "Und jetzt würden die Bösen angreifen."

Da erinnere ich mich, dass ich das als Kind auch gemacht habe: spielen im Konjunktiv. "Und dann würden wir sie mit Feuer bekämpfen", sage ich. Also werden die Bösen mit Feuer bekämpft. "Und dann würde der hier seinen Teleskoparm ausfahren und die Bösen alle ins Gefängnis bringen", rufe ich. Da lässt Nick seine Figuren sinken, sieht mich ganz ernsthaft an und sagt: "Papa. Das ist ein Legomännchen. Das hat keine Teleskoparme. Und außerdem, guck mal: Das ist eine Krankenschwester. Die kämpft doch gar nicht." Hm. Ich glaube, der Junge wird langsam erwachsen.

Ich zuckte mit den Schultern. Mir egal. Ich spürte, dass dies ein langer Nachmittag werden konnte, doch dann sah ich sie, die Superglotze, altargleich aufgestellt in einer extra für sie gestalteten Präsentationsfläche. Der Rahmen war mit Klavierlack überzogen, das Ding glänzte wie der Sarg von Antonios Vater, den wir vor sechs Jahren beerdigt haben, heilige Mutter Gottes. Ich zog Antonio am Ärmel zu diesem repräsentativen Teil, und er kaufte es sofort, besinnungslos vor Begeisterung wegen des Klavierlacks. Es wird bald geliefert. Dann wird's eng bei Antonio und Ursula zu Hause, denn das neue TV-Heimgerät verfügt über eine Bildschirmdiagonale von adlerschwingenhaften 170 Zentimetern. Um fünf Meter davon entfernt sitzen zu können, wird er ein großes Loch in die Wohnzimmerwand brechen und die Couch in den Garten stellen müssen. Oder umräumen und das Esszimmer rausschmeißen. Wahrscheinlich wird der neue Fernseher aber letztlich genau dort stehen, wo der alte stand. Und Antonio wird die Squadra Azzurra von ganz nah sehen. Es gibt für ihn nichts Schöneres.

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