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Thomas Hettche: Sex, Crime und Okkultismus

Dass ein Krimi für den Deutschen Buchpreis nominiert wird, ist ungewöhnlich. Aber Thomas Hettches Thriller "Woraus wir gemacht sind" handelt nicht nur von Sex und Crime, sondern ist auch große Literatur.

Es beginnt vielversprechend. Thomas Hettche wiegt den Leser in seinem neuen Roman "Woraus wir gemacht sind" in der sicheren Erwartung eines Plots mit Thrillerqualitäten. Da kommt ein etwas verhuschter deutscher Autor namens Niklas Kalf mit seiner schwangeren Frau Liz nach New York. Und als hätte Stephen King Pate gestanden, wird sie unter mysteriösen Umständen gleich darauf nachts aus dem Hotelzimmer entführt, ohne dass Kalf auch nur wach wird. Die Bösewichter, die dahinter stecken, fordern Informationen über den jüdischen Physiker Eugen Meerkaz, an dessen Biografie Kalf gerade schreibt. Beste Voraussetzungen für einen Rachefeldzug, in dem der blasse Held endlich Farbe bekommt, seine Frau befreit und die dunklen Geheimnisse aufklärt, mit denen er konfrontiert wurde.

Ganz so spannend wird es dann allerdings leider nicht. Denn statt seinen Helden die Entführer jagen zu lassen, schickt Hettche ihn in die Wüste - in ein trostloses Kaff namens Marfa in Texas. Unerwartet apathisch vertrödelt Kalf dort seine Tage, bis Hettche das Erzähltempo dann wieder ebenso plötzlich anzieht, wie er es vorher hat schleifen lassen. Die schwangere Liz ist dabei zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geraten. Viele Szenen, die dann folgen, scheinen von Quentin Tarantino inspiriert zu sein: Kalf hat Sex mit einer Frau namens Asia, sieht zu, wie ein schwarzer Schläger ihren Partner Frank absticht und erwürgt den Mörder mit bloßen Händen. Auf der Flucht wird er bald danach vom Entführer seiner Frau angeschossen und verkriecht sich in Los Angeles.

Das klingt nach US-Krimi der handfesten Art, typisch für Autoren wie Faye Kellerman, die so etwas im Dutzend produziert. Thomas Hettche hat allerdings ganz andere Absichten, mischt die Genres, macht Anleihen in der Filmgeschichte und Ausflüge ins Surreale, manchmal, bis dem Leser schwindlig wird. Und ganz nebenbei werden Themen wie Okkultismus und Raketenforschung gestreift. Am Schluss gibt’s ein Happy End oder jedenfalls so etwas Ähnliches: Niklas Kalf rettet Liz und ihre gemeinsame Liebe. Ihr Kind ist gesund und munter. Der Bösewicht hat Kalfs Faust zu spüren bekommen. Und, ach ja: Die mysteriöse Geschichte über Eugen Meerkaz klärt sich auch so einigermaßen.

Andreas Heimann/DPA / DPA
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