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Walter Jens' Ehefrau Inge im Interview: "Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht"

2008 führte stern-Autor Arno Luik ein bewegendes Interview mit Inge Jens über ihren Mann Walter. Der wortgewaltige Professor versank damals in eine Welt jenseits der Sprache und Gedanken.

Von Arno Luik

Mai 2008. Am Esstisch in seiner Wohnung sitzt Walter Jens, er trägt einen farbigen Ringelpullover und Bluejeans. Überall stehen Blumen, vor zwei Wochen ist Jens 85 Jahre alt geworden, die Spitzen des Staates gratulierten ihm, sie feierten ihn als "letzten großen Intellektuellen der Republik", als "sprachmächtigen Aufklärer". Etwas zusammengesunken sitzt er jetzt da, er schaut auf seine Hände. Seine Frau sagt zu ihm: "Es sind Gäste hier. Kennst du noch Herrn Luik?" Walter Jens blickt auf, lächelt freundlich, sagt mit merkwürdig heller, fast kindlich-fröhlicher Stimme: "Ja, ja!" Dann blickt er wieder auf den Tisch, auf die Hände. "Kennst du auch noch den Fotografen, Herrn Hinz?" Walter Jens blickt wieder auf, lächelt freundlich, sagt im gleichen Tonfall: "Ja, ja!" Dann blickt er wieder auf den Tisch, auf die Hände. Plötzlich weint er.

Frau Jens, Sie sind die Witwe eines Mannes, der noch lebt.

Nein, das bin ich nicht, aber ich bin jemand, der seinen Partner verloren hat. Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr. Dass ich seine Frau bin, das sagt ihm nichts. Ich bin ihm irgendwie vertraut, das spüre ich, so vertraut wie ein altes Möbelstück. Die wirklich harte, unendlich traurige, schmerzvolle Zeit habe ich allerdings hinter mir.

Sie haben Abschied genommen von Ihrem Mann?

Ja. Was Sie wahrscheinlich kaum realisieren können, ist, was es heißt, dass der Mann, der aussieht, als wenn er der Ihre wäre, der Ihre nicht mehr ist.

Was meinen Sie damit?

Er ist nicht mehr mein Mann. Die Krankheit hat ihn zu einem anderen Menschen gemacht. Damit muss ich umgehen. Manchmal erinnert er mich noch an meinen Mann, in manchen Gesten erkenne ich ihn wieder, manchmal ist er so anders, dass ich sage: "Gott sei Dank, er ist es nicht!" Er ist in einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe.

Sie sind seit über 50 Jahren zusammen.

Wir waren jetzt 57 Jahre verheiratet, und unser Fundament war das gleichberechtigte, das fortlaufende Gespräch. Aber er kann nicht mehr reden. Er hat keine Gedanken mehr. Wenn er im Rollstuhl säße, körperliche Schmerzen hätte, wäre ich auch traurig, aber es wäre sicherlich einfacher, weil ich ihn noch durch Worte erreichen könnte. Ich würde ihn aber nie verlassen.

Sie schauen dem langsamen Sterben Ihres Mannes zu.

Nein, nein, das Sterben ist nicht aktuell. Ich sehe einem Entschwinden zu.

Ihr Mann ist abgetaucht in eine Welt jenseits der Sprache, jenseits der Gedanken.

Mein Mann ist mir in den vergangenen Jahren nach und nach entglitten. Und als er verschwand, erst unmerklich, dann so unaufhaltsam- unabwendbar, das war fürchterlich. Ich habe nur gefühlt, wie er mir entgleitet, ohne dass ich wusste, wohin er geht, ohne dass ich ihm hätte folgen, ohne dass ich ihn hätte auffangen können. Heute weiß er nicht mehr, dass ihm eine Welt zusammengebrochen ist. Aber der Weg bis dahin war lang. Er - auch ich -, wir haben eine schlimme Zeit hinter uns, als …

... er merkte, dass eine Krankheit beginnt, die den Verstand rückwärts laufen lässt, eine Krankheit, die alles Wissen auffrisst?

Vor vier Jahren begann es, Tag für Tag ließen seine Arbeitskonzentration und seine kommunikativen Fähigkeiten nach, er spürte, sein Geist verlässt ihn, ohne zu wissen, was mit ihm geschieht. Er war von Anfang an verzweifelt, aber hat nicht gewusst, was auf ihn zukommt. Die Welt war ihm, er war sich wohl selbst zu einem Rätsel geworden. Da war plötzlich Angst in ihm. Fragen. Entsetzen, ungeheure Aggressionen. Er schlug um sich vor Verzweiflung. Mein Mann, der nie im Leben irgendwie, irgendwas, irgendwen geschlagen hat! Dann überkam ihn große Traurigkeit. Eines Morgens stand er vor diesem Bild dort an der Wand, sein Gott Fontane, den er liebt und in- und auswendig kennt - oder muss ich sagen: kannte? Er stand davor, blickte auf den Mann mit dem Schnauzer und fragte: "Wer war das noch mal?"

Das tat weh.

Es ist grauenhaft. Er fühlte, etwas Unfassbares passiert mit mir, er konnte noch gehen, reden, er hatte keine Schmerzen - aber im Kopf passierte etwas, das ihm seine Fähigkeiten raubte, klar zu denken. Was ihn sein ganzes Leben ausgezeichnet hatte, dieses zielsichere Denken - es verschwand. Am Anfang fiel mir das gar nicht so richtig auf, ich hielt es für einen depressiven Schub.

Sie haben ja noch vor wenigen Jahren gemeinsam mit Ihrem Mann zwei Bestseller geschrieben, "Frau Thomas Mann" und …

… dass uns das gelungen ist, war eine späte Gnade. Es war eine gemeinsame Freude mit segensreichen Folgen: Ohne diesen kommerziellen Erfolg könnte ich die gute Pflege - und da haben wir es besser als viele andere in ähnlicher Lage - gar nicht bezahlen, wäre mein Mann vielleicht schon im Heim, vielleicht schon tot. Allerdings muss ich sagen, bei unserem zweiten Buch, "Katias Mutter", das wir vor drei Jahren beendet haben, war es schon ein bisschen schwierig. Er gab mir Dinge zu lesen, die gingen an den Problemen vorbei. Er fing an, Zeitsprünge zu machen, schrieb über Nebensachen 10, 15 Seiten. Ich versuchte mit ihm darüber zu reden, er wurde dann schnell aggressiv. Nein, nein, wir haben uns nicht angeschrien - aber es klappte einfach nicht mehr.

Und nachts lagen Sie im Bett und grübelten und …

… ich war zunächst einmal nur verzweifelt. Und wenn Sie verzweifelt sind, haben Sie nur die Wahl, wütend oder traurig zu werden. Und Trauer ist noch anstrengender als Wut, nein, so wurde ich zornig, Zorn, gepaart mit Unverständnis. Ich habe mich gefragt: Warum tut er mir das jetzt an? Warum ist er so stur, der Mensch? Warum begreift er nicht, dass er die ganze Sache gefährdet? In mir wuchs eine riesige Hilflosigkeit.

Aber eines Tages war Ihnen klar: Mit meinem Mann passiert etwas Schreckliches!

Ja. Langsam sah ich es. Allmählich nahm seine Desorientierung auf allen Gebieten zu. Beim Essen stellte er plötzlich sein Glas in den Spinat. Eines Morgens stand er im Wohnzimmer und sagte: "Wo bin ich? Hier ist alles so schrecklich! Ich will weg!" Nach einer Stunde war er wieder voll da. Dann fielen ihm die Worte nicht mehr ein, er fing an zu stottern. Es war furchtbar für ihn. Er verstummte dann einfach. Oder er ging zum Angriff über: "Warum tust du nichts? Du bist nie da!" Später hat er dann viel geweint. Was in ihm ablief, das konnte er nicht mehr artikulieren.

Mein Vater, der an einer Variation von Parkinson erkrankt war, stellte beim Scrabblespielen plötzlich die Buchstaben auf den Kopf - er hat es nicht gemerkt.

Ja, ich kenne das. Mein Mann hat noch eine Zeit lang Normalität und Arbeit simuliert. Er ging hoch in seine Bibliothek, holte Bücher raus, stellte sie wieder rein, brachte, ohne dass er es merkte, alles durcheinander, er saß dann vor einem Stapel Bücher, studierte aufmerksam ein Buch - aber er konnte es gar nicht lesen, denn er hielt es verkehrt herum.

Bis vor zwei Jahren sind Sie ja noch zusammen öffentlich aufgetreten.

Aber es wurde zunehmend schwieriger. Ich habe am Schluss zu Hause die zwei, drei Texte, die er noch lesen wollte, mit ihm geübt. Die Auftritte, das Publikum taten ihm gut. Er war da nochmals das Zirkuspferd, das in der Arena aufwacht. Ich habe mit ihm über Händedruck kommuniziert, ich spürte sofort, wenn er Schwierigkeiten hatte, dann übernahm ich seinen Text. Seine letzte Lesung, sie war hier in der Gegend in einer kleinen Bücherei, war ungeheuer beeindruckend: Er las aus unserem Buch die Passage, in der das alte Ehepaar Pringsheim aus Nazi-Deutschland flieht. Plötzlich war da eine seltsame Übereinstimmung: Ein alter Mann liest von einem alten Ehepaar - es war ungemein anrührend.

Walter Jens, 2003/2004: "Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht lese. An manchen Tagen schreibe ich nicht, aber ich vermisse es dann sehr. Schreiben - und Reden ohnehin - heißt für mich: Leben. Nicht mehr schreiben zu können, heißt für mich: Nicht mehr atmen zu können. Dann ist es Zeit zu sterben. Dann möchte ich tot sein."

Frau Jens, Ihr Mann hat mal beklagt, Tiere schläfert man ein, Menschen nicht.

Ja, er wollte, das hat er über viele Jahre für sich reklamiert, immer eine freie Entscheidung über sein Lebensende. Aber den Zeitpunkt, seinem Leben ein Ende machen zu können, den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst. Er, wir alle wussten nicht, dass die letzte Chance zu diesem bewussten Schritt verstrich. Könnte ich ihm jetzt vom Leben zum Tode verhelfen?

Könnten Sie es?

Ich habe diese Frage sehr ernsthaft erwogen, mein Mann und ich haben früher intensiv darüber geredet. Ich habe auch mit Hans Küng …

Ihr Mann hat mit dem Theologieprofessor Hans Küng 1995 in dem Buch "Menschenwürdig sterben" für die aktive Sterbehilfe plädiert.

… darüber geredet. Er ist fassungslos über den Zustand seines Freundes, ich habe ihn gefragt: "Könntest du ihm jetzt ein Ende machen?" Er sagte: "Nein, das kann man nicht." Er war ganz eindeutig. Er ist ein Mensch, der vor Ihnen steht. Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da.

Gewindelt werden, gewickelt, gewaschen, nicht reden, nicht denken - führt Ihr Mann noch ein Leben in Würde?

Was heißt Würde? Er weiß es nicht mehr. Aber er spürt, da bin ich mir ganz sicher, die Achtung und den Respekt, den man ihm entgegenbringt. Und es ist nichts Ehrenrühriges, ihm Windelhosen anzuziehen, in dem Sinne ist er einfach alt. Und er leidet darunter ja nicht. Er kann Schmerz empfinden, aber er kann sich auch freuen. Er freut sich heute über Dinge, die er früher als primitiv, nicht zu seiner Welt gehörig abgetan hätte.

Seine Welt: Das war Theodor Fontane. Thomas Mann. Antigone.

Ja. Und heute freut er sich, wenn er mit seiner Pflegerin Frau Hespeler in den Supermarkt gehen kann. Er schiebt, mühsam, langsam, den Einkaufswagen. Das macht ihm Spaß. Tübingen hat sich darüber den Mund zerfetzt. Wie kann die Frau ihren Mann nur so bloßstellen! Mit ist das egal. Ich habe gespürt, wie er das Angesprochenwerden genießt, und wenn er am Fleischstand ein Leberkäsweckle kriegt, dann freut ihn das! Mir schneidet das ins Herz. Sein Genuss ist für mich - salopp gesagt - gewöhnungsbedürftig. Ihm aber tut der Leberkäs gut.

Es gibt einen Satz von Karl Marx übers Altwerden: "Der erwachsene Mensch", sagt er, "kann nicht mehr zum Kind werden, er wird kindisch."

Nein, er kann zwar nicht mehr denken, aber kindisch ist er nicht, auch wenn er oft wie ein Kind reagiert, manchmal auch wie ein ungezogenes Kind. Man darf ihm nichts durchgehen lassen, er spürt auch sehr genau, ob es einer gut mit ihm meint oder nicht.

Hätten Sie je gedacht, Ihren Mann in so einem Zustand zu erleben? Der intellektuelle Geistesriese, der nur noch brabbelt?

Nein, man kann sich nicht vorstellen, was für ein Zustand das ist. Als ich die Diagnose bekam, habe ich lange nicht begriffen, was sie bedeutet. In unseren alten Lexika wird das Wort Demenz nur kurz erklärt. Mein Sohn Tilman hat mir dann aus dem Internet ausführliche Erklärungen zusammengestellt. Sie kriegen einen furchtbaren Schrecken, aber was dann auf Sie wirklich zukommt, das können Sie sich absolut nicht vorstellen.

Dass man nicht in die Zukunft blicken kann, ist ein Glück.

Es ist eine Gnade. Die Gnade des Nichtwissens. Wie fürchterlich es wird - ich hätte es nicht für möglich gehalten. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, was man alles aushält. Und ich weiß inzwischen: Ohne Freunde, mit denen man reden kann, geht es nicht.

Walter Jens, 2003/2004: "Ein sanftes Ende, erfüllt von menschlicher Würde, und kein erbärmliches Krepieren: Das ist meine Hoffnung. Wir könnten doch alle gelassener sein, wenn uns an diesem Tag ein Arzt mit einer Spritze zur Seite stünde, ein Arzt wie Doktor Max Schur hülfe, der Sigmund Freud zur Seite stand. Kurt Martis großer Wunsch spricht mich an: ‚Dass der Tod uns einst treffe, plötzlich und sanft, von einer Sekunde zur anderen. Leichter, behender, wie Gemsen im Fels, wie Fische im Meer, ließe sich leben, wüßten wir diesen Wunsch uns gewährt.‘"

Frau Jens, Sie mussten Ihren Mann oft pflegen, er war ja immer wieder sehr krank.

Mein Mann ist schwerer Asthmatiker, vor 20 Jahren litt er monatelang an einer heftigen Depression. In dieser Zeit hat er stundenlang immer wieder einen Satz wiederholt: "Du gehst der Mutter dunklen Weg. Du gehst der Mutter dunklen Weg." Seine Mutter ist in einer Depression gestorben. Aber dennoch, das Tröstliche an einer Depression ist, es gibt Wege aus dieser Krankheit. Sie können etwas tun. Sie können reden. Und wir sind damals stundenlang gewandert und haben geredet und geredet.

Aber mit der Demenz ist es nun anders?

Ja. Völlig anders. Negativer. Unausweichlicher. Dumpfer. Stellen Sie sich vor: Da sitzt ein Mensch vor Ihnen, den Sie nur noch durch Berührung, nicht durch Worte, nicht durch Blicke erreichen. Wenn ich ihm sage: "Komm, gib mir die Hand", dann guckt er mich groß an, deute ich auf die Hand, steckt er sie in die Tasche. Manchmal bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil bei ihm nichts ankommt. Man fragt sich: Mache ich genug?

Sie geben und geben - doch Sie bekommen nichts zurück, keinen Dank, nichts.

Ja. Wenn ich auf ihn zugehe, geht nur selten ein Leuchten über sein Gesicht, meistens schaut er völlig verständnislos. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich eine Idylle zusammenbauen und sagen: Wenn er mich anschaut, bin ich glücklich. Ich bin nicht glücklich. Er ist in seiner Welt gefangen, ich in meiner Welt. Ich kann ihn nicht erreichen, er mich auch nicht.

Gibt es dennoch Momente, in denen er kurz aufwacht, er ganze Sätze sagt? Sie direkt anspricht?

Manchmal, sehr selten, kommt das vor. Es ist dann, als ob in seinem absterbenden Gehirn plötzlich ein Äderchen wieder mit Blut versorgt wird und ihm das für Sekunden zurückgibt, was ihn früher ausmachte: Worte. Abends sitze ich immer auf seiner Bettkante, vor vier Wochen sagte er plötzlich: "Es ist ein so klägliches Leben."

Walter Jens, 2003/2004: "Ich möchte vor meiner Frau sterben, ich alter Egoist. Wenn sie stürbe, würde ich verstummen. Wir gehen oft rüber zum Stadtfriedhof und schauen unsere Grabstelle an - noch mit einem Gefühl ruhigen Glücks. Nah bei uns liegen Uhland und Ottilie Wildermuth, Isolde, Marie und Hermann Kurz oder Carlo Schmid. Der Friedhofsgestalter bot uns einen repräsentativen Platz bei der Kapelle an. Aber mir war es dort unten zu dunkel. Nun werden wir oben liegen, am Rande des Friedhofs, dort hat man die ganze Kette der Schwäbischen Alb vor sich. Ich liebe dieses Land. Außerdem: "Man isch bei de Leut" - bei den Menschen: Studenten gehen durch den Friedhof zur Universität, Gäste der Stadt besuchen hier Hölderlin und Silcher. Eines Tages werden sie feststellen: Ach, da liegt ja auch der Jens. Ja. Tübingen ist meine Heimat."

Frau Jens, haben Sie sich mal bei dem Gedanken ertappt: Es wäre gut, wenn mein Mann sterben würde!

Natürlich habe ich diesen Gedanken gehabt, sogar sehr stark. Ich weiß, dass das nicht das Leben ist, das er sich erhofft hat. Aber ist er wirklich todunglücklich? Wenn er seinen jetzigen Zustand bewusst erleben würde, empfände er ihn sicherlich nicht als lebenswert. Dass er sich heute über ein Leberkäsweckle freut …

So wie früher über einen gelungenen Text!

Ja, das wäre ihm fürchterlich! Es beherrscht ihn jetzt eine Grundtrauer. Er weint manchmal. Aber Trauer gehört zum Leben, es ist eine menschliche Äußerung. Er ist nicht so unglücklich, so voller Schmerzen, dass man ihm zum Sterben verhelfen sollte. Nein, ich habe gelernt, dass ich gewisse Dinge anheimstellen muss. Ich bete, dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, dann den, dass er an einem Infarkt, einem Schlag, was immer es ist, schnell sterben mag, ohne es groß zu merken.

Walter Jens 2003/2004: "Mit Lessing sage ich: ,Ich glaube nicht, dass ich vor meiner Todesstunde zittere. Ob ich in meiner Todesstunde nicht zittere?‘ Ich denke doch, und halte es im Übrigen mit Ernst Bloch, den ich einmal fragte: ‚Was hältst du von der Auferstehung des Leibes?‘ Er antwortete: ‚Ich möchte mich auf ein kleines Peut-être zurückziehen‘, ein ‚Vielleicht‘ - das ist schon viel. Ich kann nicht sagen, dass ich an die Unsterblichkeit gar des Fleisches glaube. Ich bin ein zaghafter Christ. Ich glaube nicht daran, Onkel Willi wiederzusehen. Trotzdem: Es wäre schön, Brandt wiederzutreffen, oder Böll - in einem ökumenischen Himmel. Der Tod ist eine Premiere, und man weiß nicht, was nach dem letzten Vorhang kommt. Nur das Eine ist sicher: Es wird alles ganz anders sein in der letzten Stunde. Aber es müsste wunderbar sein, wenn meine Frau und ich die letzte Pforte gemeinsam durchschreiten können - so, wie Thomas Mann es sich erträumte: ‚Wir werden zusammenbleiben, Hand in Hand, auch im Schattenreich.‘"

Frau Jens, Sie sind Christin. Waren Sie mal - wenn es ihn denn gibt - wütend auf Gott, haben Sie ihn gefragt: Warum? Warum ist mein Mann so krank? Warum er?

Nein! Nein! Warum er? So eine Frage wäre für mich Blasphemie. Zu dieser Frage gibt es für mich keinen Grund, im Gegenteil. Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, habe ich Anlass zu großer Dankbarkeit. Ich muss mich eher fragen: Warum ist unser ganzes Leben so gut verlaufen? Diese Frage kann ich nicht beantworten, und so nehme ich nun auch die Krankheit ohne große Fragen hin. Wissen Sie, wir sind zusammen alt geworden, und dieser Forderung, "bis dass der Tod euch scheide", der fühle ich mich schon verpflichtet.

Ihr Mann hat zu mir einmal gesagt: "Ohne meine Frau wäre ich ein Nichts."

Und ich wäre ohne ihn nichts oder jedenfalls wesentlich weniger. Wir haben ein Leben gehabt, das schön war und das sich zu leben gelohnt hat. Ich bin mir sicher, mein Mann ist lebenssatt. Schade nur, dass er dieses schöne Gefühl nicht mehr denken kann.

* Die kursiv gesetzten Zitate stammen aus einem bisher unveröffentlichten Gespräch, das Arno Luik mit Walter Jens im Winter 2003/2004 führte.

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