HOME

"Vitus": Die Last der großen Begabung

Hochbegabung kann auch eine Last sein. Das erfährt der Schweizer Junge Vitus, der sich in dem gleichnamigen Film auf einen originellen Ausweg aus den vielen daraus resultierenden Verpflichtungen besinnt.

Von Ursel Nendzig

Vitus ist ein Wunderkind. Er spielt virtuos Klavier, ist ein Mathematikgenie und liest schon im Kindergarten den Brockhaus. Sein Name bedeutet Leben. Genau danach sehnt sich der Junge. Er hat genug davon, den Erwartungen der Erwachsenen gerecht zu werden, vorgeführt zu werden wie ein dressiertes Zirkusäffchen. Einzig sein Opa, grandios verkörpert von Bruno Ganz, nimmt den Erwartungsdruck von ihm.

Mit dem Großvater teilt Vitus auch eine ganz große Leidenschaft: das Fliegen. Die beiden basteln an einem hölzernen Modell. Flügel, die Vitus in den Himmel tragen sollen. Die Normalität, die er in seinem Leben als Wunderkind vermisst, findet er auf dem alten, ärmlichen Bauernhof seines Opas. Seine Eltern vergöttern Vitus und sind ganz liebenswerte Eltern. Doch sie sind auf der Suche nach Erfolg, Reichtum und einer immer schickeren Wohnung und haben eine andere Normalität für Vitus parat, in der er vor Geschäftskollegen brav Klavier spielt, mit 13 zum Abitur antreten soll und einen IQ von 180 hat.

Schlaues Täuschungsmanöver

Doch Vitus fühlt sich in dieser Welt nicht wohl. Er sehnt sich danach, ein durchschnittlicher Junge zu sein. Und schmiedet - ganz Wunderkind - einen genialen Plan. Durch ein schlaues Täuschungsmanöver schafft es Vitus, endlich wie ein normaler Zwölfjähriger behandelt zu werden. Er findet Freunde, geht ganz normalen Freizeitaktivitäten nach und verliebt sich - wie ein normaler Junge - in seine frühere Babysitterin. Er interessiert sich für Popmusik, übt wie ein Anfänger Klavier und knüpft zu den "coolen Jungs" aus seiner Klasse Kontakt.

Für seine ehrgeizigen Eltern bricht eine Welt zusammen. So viele Hoffnungen, Träume und Erwartungen hatten sie an ihr hochbegabtes Kind geknüpft. Verzweifelt und verbissen versucht vor allem die Mutter, aus ihrem Sohn wieder "den alten" zu machen. Wieder ist es der Großvater, dem es ganz egal ist, ob Vitus ein Wunderknabe oder ein ganz normaler Teenager ist. Und als der alte Mann hinter Vitus' Geheimnis kommt, nimmt der Film eine ganz besondere Wendung.

Ein Virtuose auf dem Klavier

Bei der Wahl seines Hauptdarsteller Teo Gheorghiu bewies der Schweizer Regisseur Fredi M. Murer ein glückliches Händchen. Der 14-Jährige ist selbst ein Wunderkind und vielleicht deshalb so unglaublich authentisch. Teo studiert an der Purcell School in London, seit er neun Jahre alt ist. Die Filmszenen, in denen er Klavier spielt, gehen besonders unter die Haut. Versucht man in anderen Filmen mit getrennten Aufnahmen der Hände auf den Tasten und dem Gesichtsausdruck des Schauspielers zu tricksen, ist hier der junge Schauspieler tatsächlich ein Virtuose. Der Zuschauer wird Zeuge seines enormen Talents.

"Vitus ist ein Junge wie von einem anderen Stern", so heißt es in der offiziellen Filmbeschreibung. Sofort fällt die Analogie zu Antoine de Saint-Exupérys kleinem Prinzen auf. Ist es Zufall oder eine gekonnte, leise Anspielung, dass Vitus in einer der ersten Szenen mit seinem geliebten Großvater ein Sweatshirt trägt, auf dem der "kleine Prinz" abgebildet ist? "Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen (aber wenige erinnern sich daran)", schreibt Saint-Exupéry im Vorwort zu "Der kleine Prinz". In diesem Film kämpft ein Junge dafür, überhaupt erst einmal Kind sein zu dürfen. Ein wunderbarer, märchenhafter Film für alle, die selber einmal Kinder waren.

Themen in diesem Artikel