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Filmstart von "Habemus Papam": Liebevoller Blick auf den Vatikan

Der italienische Filmemacher Nanni Moretti hat seine Kamera auf den Vatikan gerichtet. Herausgekommen ist keine Abrechnung mit Skandalen, sondern eine liebevolle Komödie mit Tiefgang. Am 08. Dezember kommt der Film in die Kinos.

Auf dem Petersplatz drängen sich die Massen. Der Jubel kennt kein Ende, als der Ruf ertönt: "Habemus Papam!" Dann aber wird es still. Der neue Papst lässt sich nicht blicken auf dem Balkon. Stattdessen ein Schrei im Hintergrund. Irritation. Sprachloser Rückzug der Würdenträger aus dem Blickfeld der Gläubigen. Eine unerhörte Verweigerung: Der vom Konklave gewählte Papst tritt das Amt nicht an. Das bringt die Welt des Vatikan ins Wanken und ist der Ausgangspunkt von Nanni Morettis neuem Film "Habemus Papam".

Mit seiner Wunschbesetzung Michel Piccoli in der Hauptrolle des Kardinals Melville erzählt Moretti leichtfüßig und ironisch das Undenkbare: Am möglichen Höhepunkt seiner Karriere, vor dem Schritt auf die höchste Stufe, sagt einer Nein. Sprengt das rigide Korsett von Gehorsam und Macht und traut seinem Zweifel. Zunächst in Dokumentaraufnahmen vom Begräbnis Papst Johannes Pauls II., dann in Nachbauten und historischen Palästen präsentiert Moretti die Welt des Vatikan mit all ihren Ritualen und Jahrhunderte alten Regeln.

Michel Piccoli ist dieser sympathische Verweigerer und zeigt mit leisen Mitteln ganz große Schauspielkunst: Im Moment seiner Wahl fährt die Kamera nah an sein Gesicht. In diesem Blick liegt das ganze Spektrum seiner Gefühle: Erstaunen und Amüsement, Ungläubigkeit und Stolz, Irritation und Begeisterung. Ein Blick, der über die nächsten Einstellungen hinweg alles offen lässt.

Und der doch vorbereitet, was kommt: das entschiedene Nein des Kardinals angesichts der ihm übermenschlich scheinenden Aufgabe, Gottes Stellvertreter auf Erden zu sein. Melville flieht durch die langen Gänge des Vatikans, landet atemlos in der Sixtinischen Kapelle. Alle Bemühungen, ihn ins Amt zu drängen, scheitern. Er fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen.

Melvilles individuelle Entscheidung sprengt die hierarchische, autoritäre Struktur der Amtskirche, bringt Hektik und Stillstand gleichzeitig. Die Kardinäle dürfen erst wieder in die Welt außerhalb des Vatikans zurückkehren, wenn der Name des neuen Papstes verkündet ist. Also bleiben sie im erzwungenen Kollektiv, was Moretti nutzt, um die private Seite der kirchlichen Würdenträger zu zeigen. Da träumen die Australier von den wunderbaren Süßigkeiten in Roms Konditoreien, da hält sich ein älterer Kardinal am Hometrainer fit, ein anderer baut Puzzles, und ein vierter entpuppt sich als medikamentensüchtiger Hypochonder.

Melville soll sich einer Therapie unterziehen - und hier hat Moretti selbst seinen Auftritt als atheistischer Psychoanalytiker. Er kommt zwar mit seiner Aufgabe nicht weiter, setzt aber den Kirchenmännern die Bibel auseinander und organisiert, um einem Lagerkoller vorzubeugen, ein skurriles Volleyballturnier. In der realen Welt außerhalb der Mauern des Vatikans versucht währenddessen der schwer verstörte Melville, sein Gleichgewicht wiederzufinden.

Morettis neuer Film ist vieles. Er ist Charakterstudie und Komödie, kritische Paraphrase und amüsantes Gedankenspiel, und er ist das hintergründige Märchen von einem Akt der Anarchie, der einem streng strukturierten und mächtigen System den Boden entzieht. "Mir ging es gerade darum, dass es ein Papst ist, der Nein sagt", sagt Moretti zu seinem Film. "Ginge es um einen Politiker oder einen Wallstreet-Manager, der sich verweigert, wäre das ein viel kleinerer Film geworden".

Irmgard Rieger, DPA / DPA