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Interview: "Weltverbesserung ist Weltverschlechterung"

Sie machen seit Jahren Kurzfilme, Werbeclips und digitale Minimovies. "Weltverbesserungsmaßnahmen" heißt ihr erster Spielfilm - stern.de sprach mit Jörn Hintzer und Jakob Hüfner über Gutmenschen-Kino, die Systemfrage und Laien am Set.

Der Titel "Weltverbesserungsmaßnahmen" klingt schwer nach idealistischem Gutmenschen-Kino.

Hintzer: Wir zeigen Leute, die die Welt verbessern wollen und oft genug auch scheitern. Also mit Sicherheit kein Gutmenschen-Film, sondern ein Film mit Menschen, die Ideale verfolgen.

Wie entstand die Idee für den Film?

Hintzer: Angefangen hat es mit unserem Internetsender "Datenstrudel", den wir Ende 2000 ins Leben riefen. Dort kreierten wir Live-Internetshows. Diese dokumentierten reale Aktionen wie die "Parkbankstiftung" und lebten von ihrer Spontaneität. Aufgrund der vielen Ideen zur Weltverbesserung entschieden wir uns dann für ein Kinoprojekt.

Wegen des Episodenstils ist "Weltverbesserungsmaßnahmen" schwer einem Genre zuzuordnen. Pseudo-Reportage, Doku-Drama, Realsatire, Farce oder Spielfilm-Debüt von zwei Kunsthochschulabsolventen, was trifft es?

Hüfner: Das Genre nennt sich "Mockumentary", also inszenierte Dokumentationen, die wir auf eine mal mehr, mal weniger satirische Art und Weise erzählen. Dass die einzelnen Episoden unterschiedliche Doku-Stile haben, war eine bewusste Entscheidung. Wir wollten das Material so heterogen wie möglich gestalten.

In Ihrem Film erscheint die Welt aus der Alltagsperspektive des Privatmenschen. Die politischen Rahmenbedingen aber werden nicht kommentiert, die Systemfrage nicht gestellt. Warum nicht?

Hintzer: Unsere Figuren, von denen wir als Filmemacher erzählen, agieren durchaus politisch, auch wenn sie keiner Partei angehören. Ausgehend von ihrem Lebensbereich und Erfahrungshorizont kratzen sie an elementaren Themen wie Geldkreisläufen und an Gesundheits- und Sozialsystemen. "Think local, act local." Bei uns brennen keine Barrikaden und Bonzen werden auch nicht entführt. Unsere Figuren sind eben keine Systemumstürzler, sondern Verbesserer.

Welchen Realitätsanspruch haben Ihre filmischen Weltverbesserungsvorschläge, in denen Arbeitslose sich als "Leihgeschwister" verdingen oder gestresste Verkehrsteilnehmer eine Therapie-Gruppe bilden?

Hüfner: Die meisten unserer Weltverbesserungen überhöhen ein tatsächliches Problem und finden dafür eine absurde Lösung. Trotzdem fände ich es spannend, wenn mal eine Weltverbesserung umgesetzt würde. Zum Beispiel die Aktion "1,90m". Einen Tag lang würden alle gleich groß sein. Ich wäre sehr gespannt darauf, zu sehen, was das für Folgen hätte.

Engagieren Sie sich neben ihren künstlerischen Projekten politisch oder gesellschaftlich?

Hintzer: Nein.

In puncto Kinderarmut in Deutschland zeichnen Sie ein Bild egoistischer, feiger und doch harmoniesüchtiger Einzelkinder - eine "tickende Zeitbombe" für die Gesellschaft. Einzelkinder haben bessere materielle Voraussetzungen und lernen früh, Selbstverantwortung zu übernehmen. Warum malen Sie so schwarz?

Hüfner: Der Film ist eine Satire. Indem Einzelkindern ein Leihbruder zur Verfügung gestellt wird, nehmen wir die Tendenz vieler Eltern auf: Lieber nur ein Kind, dass soll aber von allem das Beste bekommen. Ich habe persönlich zwei Geschwister und mir tun Einzelkinder immer nur leid, auch wenn sie mehr Geld haben.

Ihre Charaktere wie Stau-Geschädigte, gestresste Eltern, Sparsüchtige sind Projektionsflächen für gesellschaftliche Neurosen. Woody Allen zeichnet diese in seinem Filmen mit Sympathie. Bei Ihnen wirken sie manchmal einfach nur deplatziert und hilflos. Stimmt der Eindruck?

Hüfner: Wir empfinden ebenfalls große Sympathie mit unseren Figuren und wenn sie hier und da mal etwas deplaziert und hilflos wirken, dann ist das ein Lebensgefühl, mit dem sicherlich viele etwas anfangen können. Wichtig für mich ist, dass sie sich mit dem Zustand nicht zufrieden geben, sondern dagegen ankämpfen, etwas verändern wollen!

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Mischung aus Laien-Darstellern und Schauspielern wie Thomas Schmieder und Rüdiger Klink gemacht?

Hintzer: Mit Laien zu arbeiten ist einfach, man muss sie richtig besetzen, dann spielen sie drauflos und machen intuitiv alles richtig. Sie sind dann sie selbst in der Rolle. Richtig arbeiten wie mit einem Profi kann man mit ihnen nicht, denn sie werden bei Kritik schnell unsicher und versuchen dann im schlimmsten Fall zu spielen, was meistens in die Hose geht.
Hüfner: Für die Profis waren die Laien der Sollwert an Authentizität. Die erfahrenen Schauspieler wurden durch ihre Erfahrung oft zu Co-Autoren, da wir viel improvisiert haben. Sie brachten uns auf Ideen, die sie dann wieder umsetzen mussten. Selber schuld!

Wo sehen Sie sich im neuen deutschen Film zwischen Regisseuren wie Andreas Dresen oder Christian Petzold?

Hintzer: Wir sind eine Mischung aus Rainer Werner Fassbinder und "Klimbim". Lars von Trier und Monty Python, Harun Farocki und Loriot. Mit Dresen teilen wir die Suche nach Authentizität, mit Petzold das Zwanghafte, Fremdgesteuerte.

Warum bringen Sie "Weltverbesserungsmaßnahmen" nicht kostenlos zur öffentlichen Aufführung für alle Interessierten? Das wäre doch auch ein Beitrag zur Weltverbesserung?

Hüfner: Wie im Film gesagt wird, ist jede Weltverbesserung für eine bestimmte Gruppe gleichzeitig auch eine Weltverschlechterung für eine andere Gruppe. Wenn wir jetzt den Film umsonst zeigen, ist das Filmteam sauer, das teilweise zwei Jahre unentgeltlich mitgewirkt hat und jetzt endlich Kohle sehen will.

Nils Schmidt
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