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Tom Cruise: Der Tod steht ihm gut

Nie war er besser. Vielleicht weil Tom Cruise in seinem neuen Film "Collateral" endlich mal einen richtigen Fiesling spielen darf. Mr Perfect scheint die Rolle eines Killers regelrecht zu genießen.

Was Tom Cruise tut, das macht er perfekt. Deshalb beackert er den roten Teppich auch nach 20 Jahren mit einer Hingabe, als sei es seine erste Filmpremiere, kritzelt Autogramme, flirtet mit den Kameras, strahlt, den Blick in die Ferne gerichtet. Schüttelt Hände, tätschelt Arme, als wollte er alle beruhigen, dass der eiskalte Killer, den sie gleich sehen werden, in Wahrheit nichts mit ihm zu tun habe - mit Tommy, dem All-American-Boy.

Dabei steht ihm das Böse gut. In "Collateral" spielt er den Auftragskiller Vincent, einen Mörder mit Stil, die Haare im gleichen Grau wie der maßgeschneiderte Anzug. Eine nächtliche Taxifahrt durch Los Angeles verwandelt er in eine Henkerstour. Wenn der Fahrer fleht, er transportiere keine Mörder, erwidert Cruise: "Heute schon", hält einen Mini-Vortrag über Darwin, kneift leicht die Augen zusammen und sagt: "Shit happens."

Cruise aber wäre nicht Cruise, wenn sein Killer nicht auch ein bisschen gut wäre. Der kranken Mutter des Taxifahrers kauft er Blumen, er ist charmant, bei aller Kaltblütigkeit. Der Rolle tut das gut - Cruise war nie besser. Das anknipsbare Lächeln, mit dem er als Kampfpilot-Krieger-Herzensbrecher oft genervt hat, macht plötzlich frösteln.

Wer dem Profi-Charmeur gegenübersitzt, vergisst fast, was man immer glaubte: dass er langweilig sei und glatt, nicht einmal wirklich attraktiv. Er hat sie gut drauf, die Superstar-gibt-Normalo-Nummer. Holzfällerhemd, Jeans, breites Grinsen, als hätte er auf diese Begegnung sein Leben lang gewartet.

Glückwunsch zum Film! "Oh Mensch, danke!", ruft er, greift nach dem Besucherbein, dann nach der -schulter, und los geht die Tom-Show. Zunächst ein Witzchen: Er sei ja nun schon seit zwei Jahren wieder mit Nicole Kidman verheiratet. Prusten, Lachen, er habe nur mal die Reaktion testen wollen (Für alle Interessierten: Die Stelle als neue Mrs Cruise ist noch vakant, er sucht eine Frau mit guter Laune, die Motorräder mag und mit ihm von Klippen springt).

Aber wir sind hier nicht zum Witzereißen. Sofort ist er wieder beim Thema, bei "Collateral". "Es hat Spaß gemacht", sagt er. Natürlich schiebt er gleich hinterher, er selbst glaube an das Gute im Menschen. Auch bei sich: "Wenn ich etwas verspreche, tue ich alles, um es einzuhalten. Leute hängen von mir ab. Und ich werde sie nicht enttäuschen." Mister Perfect halt.

Cruise ist als Vincent

so überzeugend, weil diese Figur überhaupt nichts mit dem Bild zu tun hat, das er, Cruise, von sich selbst hat. Weil er es heimlich vielleicht sogar genossen hat, endlich mal zynisch sein zu dürfen und zu zerstören. Weil es leichter ist, ein perfekter Schuft zu sein als ein perfekter Held.

Dass er die Rolle auch aus Kalkül angenommen hat, um aus der Sonnyboy-Schublade herauszukommen, um endlich nicht mehr nur der bestbezahlte Schauspieler der Welt zu sein, sondern vielleicht mit dem Oscar belohnt zu werden, all das würde er nie zugeben: "Mit solchen Fragen beschäftige ich mich nicht." Aber ein Tom Cruise ohne Kalkül ist schwer vorstellbar. Seine Rolle in Steven Spielbergs neuem Projekt "War of the Worlds" hat er sich gerade mit zehn Prozent des Gesamtgewinns vergolden lassen, und das dürfte ein dreistelliger Millionenbetrag werden.

Man kann Cruise wohl kein größeres Lob machen, als dass er ein perfektes Bild von sich vermittele. "Wirklich? Das ist großartig", sagt er und haut einem wieder auf die Schulter. Nicht vorbereitet ist er auf die Frage nach Fehlern. Mh, mh, mh, macht er. "Was sind meine Fehler?" Eine Ader tritt auf seiner Stirn hervor und pocht. Eine Antwort muss her, das Thema zu wechseln wäre zu einfach für einen wie ihn. Es könnten auch falsche Schlüsse gezogen werden, schließlich ist ein Mensch ohne Fehler unheimlich. Ja, sagt er also zögerlich, auch er habe "Probleme". Welche? "Ich bin niemand, der in Sachen, die schief laufen, schwelgt. Ich bin daran interessiert, wie man sie repariert." Dabei helfe ihm auch Scientology, jene Sekte, der Cruise seit vielen Jahren angehört und über die er auf einmal offen spricht: "Ich nutze Scientology im Alltag." Die Lehre helfe ihm, zu begreifen, dass "das Leben mit seinen Stolpersteinen zu dir kommt, egal, wer du bist. Man kann nicht davor weglaufen".

Offenbar nicht mal, wenn man Tom Cruise ist. Es ist am Ende diese schlichte Botschaft, die ihn irgendwie sympathisch macht. Sein Perfektsein hätte Mister Perfect gar nicht nötig.

Steffi Kammerer

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