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TV Geschichte: Onkel Lou, Kuli und der Busen

Fein gemacht, Schnittchen gereicht und dann Stille vor der Glotze: als die große Samstagabendshow noch ein Ereignis war

Frau Kuchenmeister von nebenan kam immer im Geblümten. Es war ihr bestes Kleid. Aber weil sie keinen Mann hatte, musste sie auf einem der Stühle sitzen, die hinter dem Sofa standen. Auf dem Sofa und den drei Sesseln saßen nur Gattinnen und Gatten. Bloß Onkel Fred nicht, obwohl der verheiratet war. Der hatte nach der Sendung "Einer wird gewinnen" (EWG) mit Hans-Joachim Kuhlenkampff einmal einen Herrenwitz gewagt, wobei man wissen muss, dass EWG eigentlich Europäische Wirtschaftsgemeinschaft hieß und es daneben noch eine europäische Freihandelszone, die EFTA, gab. Fred hatte also gesagt, dass Frauen leider für die EWG sind, nämlich für "einmal wöchentlich genügt", während Männer es gern "efta" hätten. Unmöglich! Onkel Fred konnte froh sein, überhaupt noch kommen zu dürfen, zu Kuhlenkampff und den Schnittchen, die gereicht wurden. Drei oder vier Fernseher gab es damals in unserer Straße. Aber nur auf unserem stand eine elektrisch beleuchtete goldene Gondel aus Venedig. Vor jedem Bildschirm versammelten sich samstagsabends Freunde und neidische Nachbarn zum "Fernsehabend". Überall ein Hüsteln und Füßescharren wie im Theater und atemlose Stille, wenn auf dem kleinen Schwarzweißschirm "Kuli" kam und die Kandidaten etwas von Goethe wissen mussten oder dass der Turm in Pisa schief war. Quoten (das Wort gab es damals noch nicht mal) von rund 80 Prozent waren selbstverständlich. Bei Lou van Burg, der sich "Onkel Lou" nannte und bei dem die Kandidaten einen "Goldenen Schuss" abgeben durften, war das nicht viel anders. Bis sich ergab, dass Onkel Lou ein Verhältnis hatte, weshalb er vom Bildschirm verbannt wurde. Man hätte es wissen müssen, sagte Frau Kuchenmeister dazu, "warum haben sie keinen anständigen deutschen Kwizmeister genommen?" Bei Peter Frankenfeld, der sich in eine karierte Jacke traute, oder bei Dietmar Schönherr und Vivi Bach war das mit der Kleiderordnung auf dem Sofa schon nicht mehr so streng. Von Goethe war auch nicht mehr so die Rede. Vor allem bei Schönherr/Bach nicht. Da huschte einmal eine Kandidatin in einer durchsichtigen Bluse über den Bildschirm, und jeder anständige Zuschauer war überaus empört. Ob das eine miefige Zeit war mit klinisch reinem Oberlehrerfernsehen? Kuli am Samstagabend, Peter Frankenfeld, Onkel Lou oder Dietmar Schönherr und Vivi Bach waren keine Events. Das waren wirkliche Ereignisse und lokal begrenzte gesellschaftliche Höhepunkte in einem. Manchmal, wenn ich so Harald Schmidt sehe, wie er mit seinen Leuten Mikado spielt oder Playmobil, ist es fast wie damals. Man muss die Farbe zurücknehmen und den Ton abschalten, weil Kuli nie auch nur gedacht hätte, was Harald Schmidt sagt. Aber wenn ich eine goldene Plastikgondel hätte, ich würde sie bei ihm auf mein TV-Gerät stellen und mich fühlen wie neben Frau Kuchenmeister.

Rupp Doinet / print