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Bloc Party-Sänger Kele Okereke: "Ich hab' die Britney gemacht"

Kele Okereke war eine Ikone des Indierocks. Dem Aufmerksamkeitszirkus hat er sich jedoch verweigert. Nun hat der Bloc-Party-Frontmann sich neu erfunden und mit "The Boxer" sein Solodebüt vorgelegt. Ein Treffen in Berlin-Kreuzberg.

Von Theresa Breuer

Er gilt als Schrecken aller Journalisten. Kele Okereke wird aggressiv, wenn ihm eine Frage nicht passt. Er stottert, redet in unvollständigen Sätzen und wenn ihm ein Thema zu kompliziert ist, schaltet er mental in den Stand-by-Modus. Einmal fiel er vor Langeweile sogar vom Stuhl .

Doch an diesem Donnerstag ist der als Frontmann der Band Bloc Party berühmt gewordene Okereke ganz entspannt. Der 28-Jährige lümmelt im Büro seines Plattenlabels Wichita in Berlin-Kreuzberg. Der durchtrainierte Oberkörper steckt in einem violetten Pulli des Basketball-Teams "Lakers". Auch sonst ist sein Outfit legere: Okereke trägt eine Brille, schwarze Jeans, Sneakers. Die Dreadlocks - einst sein Markenzeichen - sind ab. Nun trägt er die Haare eng am Kopf geflochten. "Ich hab' die Britney gemacht", witzelt er und spielt auf Britney Spears an, die sich 2007 nach einem Nervenzusammenbruch eine Glatze schneiden ließ.

Weg mit dem Rock, her mit Elektro

Um Okerekes Nerven steht alles zum Besten. Er bringt gerade "The Boxer" auf den Markt, sein erstes Album als Solokünstler. Darauf vereint er fette Beats, hypnotische Sounds und seinen gefeierten Gesang. Das ist bestes Elektro-Futter für die Tanzflächen dieser Welt.

Passend zum Albumtitel hängt im Büro ein Sandsack, auf dem Tisch liegen Boxhandschuhe. Für ein Fotoshooting. "Bei diesem Sport geht es nur um dich und den Gegner", sagt Okereke. "Du kämpfst zwölf Runden, allein, und entweder du wirst umgehauen, oder du stehst wieder auf und machst weiter." Genau so habe er sich gefühlt, als er sein Album produziert habe. Keine Band im Rücken, die eigene Schwächen abfedert, nur er und seine Vision. Und diese Vision klingt ganz anders als die Rockmusik, die ihn berühmt gemacht hat.

Schwer vorstellbar, dass Okereke noch einmal zu Bloc Party zurück finden wird. "Ich weiß nicht, ob es mit der Band weitergeht", sagt er. "Fünf Jahre lang waren wir ohne Pause abwechselnd im Studio und auf Tour. Die Stimmung war angespannt, und wir brauchten eine Pause."

Diese Pause hat Okereke genutzt, um sich neu zu erfinden: weg mit dem Rock, her mit Elektro. "Bei Gitarrenmusik gibt es einfach nichts, was jemand wie die Beatles früher nicht schon besser gemacht hat", sagt er. Das sei bei Elektro anders, wo die Grenzen der Musik nur in der Vorstellungskraft des Künstlers lägen.

Waren bei Bloc Party noch Okerekes hohe Stimme und das perfekte Zusammenspiel der zwei Gitarristen, wie zum Beispiel im Song "Banquet", das besondere, kommen Gitarren nun höchstens verfremdet vor. Treibende Kraft sind harte Beats.

Eine Ausnahmeerscheinung der Indierock-Szene

In der Indierock-Szene Großbritanniens war Okereke eine Ausnahmeerscheinung. Als Sohn nigerianischer Einwanderer behauptete er sich in einem Zweig der Musikindustrie, der vor allem von weißen jungen Männern dominiert wird. Das und die Gerüchte um seine Homosexualität hätten ihn zum perfekten Opfer der skandalhungrigen englischen Boulevardpresse machen müssen. Doch Okereke ließ sich nicht zum Spielball machen. Er verweigerte sich Nachfragen zu Hautfarbe und Sexualität, was ihm den Ruf eines Querulanten einbrachte.

Auch damit ist es nun vorbei. "Als Bloc Party erfolgreich wurde, war ich erst 23 und musste meine Rolle als öffentliche Person erst noch finden. Außerdem können die britischen Medien ganz schön hart mit Menschen umspringen", so der Musiker.

Das neue Selbstbewusstsein ist deutlich zu spüren, und er hat, en passant, auch mit den Gerüchten um seine sexuelle Orientierung aufgeräumt. Anfang 2010 ließ er sich von dem holländischen Schwulen-Magazin "Butt" ("Arsch") ablichten und outete sich vor seinen Fans und den Medien.

Noch Fragen? Nein.

"The Boxer" kommt am 18. Juni in den Handel.