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Blumfeld-Interview: "In allen Dingen ist ein Lied"

Blumfeld gelten als die Intellektuellen-Band schlechthin. Mit dem neuen Album scheinen sie auf Romantik zu setzen - was es wirklich mit Songs wie "Apfelmann" auf sich hat, erzählt Sänger Jochen Distelmeyer im stern-de-Interview.

Jochen Distelmeyer, seit dem letzten Album "Jenseits von Jedem" war drei Jahre Funkstille. Was hat sich in der Zeit verändert?

Es hat eine Umbesetzung in der Band gegeben. Wir haben Lars Precht als neuen Bassisten und Vredebert Albrecht als festen Keyboarder reingeholt. Bei der Fertigstellung der Songs war relativ klar, dass wir mal eine Veränderung brauchten. Statt wie immer mit Chris Rautenkranz zu produzieren, wollten wir es mal in Eigenregie probieren. Ich erinnerte mich an ein Studio, das mir all die Jahre im Hinterkopf herumgeisterte: Das O-Ton-Studio der Brüder Wulff von Ougenweide (legendäre Folk-Experimental-Band der 70er Jahre Anm. d. Red.), das es schon seit 25 Jahren gibt. Viele interessante Bands haben dort produziert, beispielsweise die Punkband Angeschissen. Wir hatten Lust zu gucken, wie deren musikalischer Kosmos zu unserem Kram passt. Die Wulff-Brüder kannten unsere Band gar nicht. Das war eine entscheidende Erfahrung und auch ein Privileg. Erwartungen spielten keine Rolle, das Phänomen unserer Band war ihnen egal. Für ein ähnlich befreites Arbeiten hätten wir sonst nach England oder in die Staaten fahren müssen.

Herrscht dort auch ein bestimmtes Flair in diesem Studio?

Die Schwingungen und Vibes dort waren speziell, sehr angenehm. Wir wollten alles direkt und so leise wie möglich einspielen und die vier Grundinstrumente weitgehend so belassen wie sie sind.

"Apfelmann", "Heiß die Segel!" - das ganze Album mutet sehr romantisch an. Sind Sie in die Literaturgattung der Romantik eingestiegen?

Ich finde es nicht romantisch und habe mich damit auch nicht auseinandergesetzt. Ich wollte, was die Texte betrifft, sehr realistisch sein. Ich singe, was ich sehe. Wenn der Briefträger sich seinen Weg durch den Schnee bahnt, wird gesungen, der Briefträger bahnt sich seinen Weg. Und wenn die Schneeflocken fallen, wird gesungen, die Schneeflocken fallen. Das ist mit keiner Wertung verfasst. Ziel war, aus der Musik heraus Bilder zu entwickeln, die vor dem inneren Auge aufscheinen. Gepickte Gitarren, die das Rieseln von Schnee, den Klang von Glocken oder auch das Fliegen von Vögeln assoziieren lassen.

Vogelflug, Schneerieseln - das hat alles einen Hauch von Natur und Romantik.

Nur weil Naturphänomene beschrieben werden, heißt es noch nicht, dass es um Natur geht. Für mich stand lediglich die Frage im Mittelpunkt, wie man das spielen kann. Ein Sturm rollt an, der entlädt sich - wie macht man das spürbar? Naturlyrik gibt es für mich nicht. In allem ist ein Lied drin. Jeder Tag ist ein Song. Du steigst in der Früh aus dem Bett, gehst in die Dusche, es ist ein Song. John Lee Hooker hat aus allem einen Song gemacht, unglaublich viele Lieder gesungen. Du trocknest dich ab, setzt dich an den Frühstückstisch, schmierst eine Butterstulle, es ist ein Song. Die Frage ob Kaffee oder Tee, ist ein Song. In allen Dingen ist ein Lied. Mich interessiert alles, was sich besingen lässt. Ich bin kein Naturforscher, sondern ein Liedermacher.

Ich empfinde einen Bruch zu früheren Sachen, wo man eher das Gefühl hatte, die Musik war Mittel zum Zweck um die Botschaft rüberzubringen. Jetzt scheint das mehr eine Einheit zu sein.

Ist für mich nie so gewesen. Ich habe nie der Musik, die wir machen, nur die Qualität zugesprochen, dass sie irgendwie Träger einer Botschaft sein soll. Auch für uns als Band und in meiner Position darin ging es immer darum, dass das wie selbstverständlich zusammen geht, und man sich nicht die Frage stellt, was zuerst da war.

Im neuen Album findet man aber schon eine Veränderung. Es ist sehr viel spielerisch und leichter geworden, ja beinahe schon banal wie "Der Apfelmann" mit seinem soulig-groovigen Beat. Ist das Stück symbolisch gemeint?

Das ist ja gut, wenn da noch was schwingt. Das macht die Stimmung aus, es ist ein ziemlich einfaches Stück.

Man möchte mitklatschen...

...auch gut...

Muss ich da noch mehr hinein interpretieren?

Wenn man will...Ich fand das toll, ich habe schon lange an den Apfelmann gedacht. Es gibt ja auch in einem Song der Ich-Maschine eine Stelle, da heißt es: "Zwischen den Gleisen und dem Garten, wo die Apfelbäume warten." Ob da jetzt mehr hinter steckt, das sollen und können Andere entscheiden. Das muss ich gar nicht so eingrenzen.

Sie konnen ja auch selbst sagen, was sie gemeint haben.

(lacht) Nein. Dafür mach' ich ja die Songs. Ich kann in Liedern besser ausdrücken, was ich meine. Das merkt man auch in Interviews. Aber ich habe doch schon gesagt: Der Apfelmann in seinem Garten hat keine Zeit sich auszuruhen. Er sieht die Apfelbäume in seinem Garten, und weiß, es gibt noch viel zu tun. Das ist richtig auf den Punkt. In dem Moment, indem Leute, die nicht im Produktionsprozeß involviert sind, das Stück zum ersten Mal hören, gehört es einem nicht mehr. Live feiert man das Lied gemeinsam mit den Leuten, die es zu ihrem Song gemacht haben.

Interview: Kathrin Buchner

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