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Vorlesegeschichte: Zu Besuch bei Opa Ehrlich

Eine Vorlesegeschichte von Jochen Distelmeyer • Illustrationen von Martin Burgdorff • Vorlesezeit: 6 Minuten • für Kinder ab 4 Jahren

von Jochen Distelmeyer

Also, die Sache mit Opas Namen war folgendermaßen: Opa Ehrlich hieß eigentlich gar nicht Opa Ehrlich, sondern Erich. Aber weil Timo im zarten Alter von ungefähr zwei oder drei wohl etwas falsch verstanden hatte – und wer von uns hat im zarten Alter von ungefähr zwei oder drei wohl nicht auch so einiges falsch verstanden –, hatte Timo eines Tages auf Papas Ankündigung, heute mal wieder Opa zu besuchen, laut von seinem Kindersitz im Auto gerufen: „Jaaa! Opa Ehrlich!“ „Genial!“, hatte Papa gesagt und Mama neben ihm schallend gelacht. Timos Großvater war nämlich eher das Gegenteil von ehrlich. Das wusste jeder. Er flunkerte gern und dachte sich immer alle möglichen Quatschsachen aus. So zum Beispiel, als er einmal zu Weihnachten darauf bestanden hatte, eben den gesehen zu haben, wie der mit seinem Schlitten übers Haus geflogen sei, obwohl Opa doch selbst, erst kurz zuvor, als Weihnachtsmann verkleidet bei ihnen im Wohnzimmer gestanden und die Geschenke verteilt hatte. Ts, Opa halt! Aber das war ja noch harmlos. Viel lustiger waren die Geschichten, die Opa sich einfallen ließ, wenn Timo ohne seine Eltern bei ihm zu Besuch war. Dann erzählte er gern ausführlich von seiner Zeit als Jedi-Ritter und Erfinder der ersten Rauchzeichen, wie er auf einer schwimmenden Insel Feuerwehrmann auf einer Drachenfarm gewesen war oder mit Oma Pferde gestohlen hatte. Seit Oma vor ein paar Jahren gestorben war, lebte Opa Ehrlich allein in dem alten Bauernhaus auf dem Land, und immer wenn Timo ihn an Wochenenden oder in den Ferien besuchen kam, gab es jede Menge zu tun. In den Wald gehen, Pilze sammeln, Stöcke schnitzen, angeln, den Sonnenuntergang beobachten oder „Cowboy und Indianer“ spielen. Letzteres ging allerdings nicht so gut, weil Opa sich gern immer irgendwo hinsetzte und zu erzählen begann.

Mit der Zeit hatte Timo sich daran gewöhnt, dass sein Großvater es mit der Wahrheit nicht so genau nahm, und auch wenn der sich für seinen Enkel immer neue Geschichten ausdachte, war Timos Begeisterung für Opa Ehrlichs Abenteuer deutlich zurückgegangen. Außerdem hatten sich Timos Interessen, von Fußball und Skaten abgesehen, allmählich von draußen nach drinnen verlagert. Und so kam es, dass Timo, kurz vor seinem zehnten Geburtstag, in den Herbstferien bei Opa Ehrlich zu Besuch, in einen Comic vertieft war, als er den Alten aus der Küche rufen hörte:

„Mensch, das gibt’s ja nicht!“

Timo blieb cool.

„Junge, komm mal schnell! Da steht ’n Elefant im Garten!“

Natürlich!

„Ehrlich jetzt!“

Timo musste lachen. „Ja, klar, Opa. Warum nicht gleich ein ?“

Als Timo noch klein gewesen war, hatte er sich immer einen Säbelzahntiger als Haustier gewünscht. Das wusste Opa. Der hatte ihm damals erzählt, dass er selbst als junger Mann in Säbelzahntiger lebendig gefangen und gezähmt hatte, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Da hätte er dann übrigens auch Oma kennengelernt. In China.

„Also für ’n Säbelzahntiger ist er eindeutig zu dick. Außerdem ist er ganz schön grau geworden. Gut, das mit den Stoßzähnen könnte hinhauen. Aber die Ohren …“

„Säbelzahntiger sind ausgestorben, Opa!“

„Das weiß ich! Schließlich war ich dabei. Ist ja auch kein Säbelzahntiger, sondern ein Elefant.“

Timo stöhnte, legte den Comic beiseite und ging in die Küche. Sein Großvater war über die Spüle gebeugt und starrte aus dem Fenster nach draußen.

„Ein Elefantenbulle! Das erinnert mich daran, wie ich seinerzeit dem Sultan von Karmasuta geholfen habe, eine Herde entlaufener Jungbullen …“

„Schon gut, Opa. Ich bin ja jetzt da.“ Timo stellte sich neben ihm auf die Zehenspitzen. Als er über die Spüle nach draußen guckte, traf es ihn wie ein Schlag.

„Opa, d-d-da steht ein E-e-elefant im Garten!“

„Sag ich ja!“

Timo wurde von seinem Großvater auf die Anrichte gehoben. Dann schauten beide nach draußen. Ein ausgewachsener Elefantenbulle stand stolz, mit großen weißen Stoßzähnen in Opas Garten und blickte zu ihnen herüber.

„Aber wo kommt der denn her?! Ich mein, was macht der hier?!“

„Keine Ahnung, Junge. Aber so viel ist klar: Er friert.“

Tatsächlich. Der Elefant hatte zu schlottern begonnen. Und ängstlich sah er nicht gerade aus. „Pass auf“, sagte Opa Ehrlich, der auf einmal ganz klar war, „du ziehst dir jetzt deine Jacke an und nimmst so viel Äpfel, Bananen und Gemüse mit, wie du tragen kannst. Ich hol die alten Decken aus dem Keller und wir treffen uns vorn bei der Haustür.“

Timo war sprachlos. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so aufgeregt gewesen zu sein. Ein echter Elefant! Bei Opa im Garten! Er hatte gerade alles, was er an Bananen, Äpfeln, Mohrrüben und dergleichen in der Küche hatte finden können, in seine Jacke gestopft, als Opa Ehrlich mit einem Haufen Decken unterm Arm die Haustür öffnete. „Na, dann wollen wir mal!“ Sie gingen ums Haus. Die letzten Tage waren stürmisch gewesen und der Herbstwind hatte das Laub von den Bäumen geweht. Überall lagen die Blätter in rot-gelb-braunen Herbstfarben auf der klammen Erde.

Als die beiden den Garten betraten, stand dort der Elefant immer noch seelenruhig, aber vor Kälte zitternd vorm Küchenfenster. „Der ist ja riesig!“ Opa ließ die Decken auf den laubbedeckten Boden fallen und machte kehrt. „Du wartest hier!“ Timo wurde mulmig. Er hatte noch nie einen so großen Elefanten gesehen. Schon gar nicht in freier Wildbahn. Besonders gefährlich sah er zwar nicht aus, aber Timo blieb trotzdem sicherheitshalber auf Abstand. Der Elefant hatte sich gerade zu ihm umgedreht und mit seinem Rüssel zu winken begonnen, als Opa Ehrlich mit einer Klappleiter zurückkam. „Na, ihr habt euch ja schon angefreundet. Dann kann’s ja losgehen.“ Und das war der Plan: Während Opa die Leiter hochkletterte, um dem Elefanten die Decken umzulegen, sollte Timo die Fütterung übernehmen. Und genauso wurde es gemacht. Vorsichtig reichte Timo dem Elefanten die mitgebrachten Speisen, die der mit seinem Rüssel behutsam entgegennahm und dann genüsslich verdrückte. Wie zutraulich er war! Oder einfach nur hungrig. Nachdem der Elefant sich halbwegs satt gegessen hatte und schließlich ganz von Decken umhüllt war, stieg Opa Ehrlich von der Leiter und stellte sich stolz neben seinen Enkel. „Mission erledigt.“

„Und was jetzt?“, fragte Timo, fast etwas enttäuscht.

„Jetzt gehen wir erst mal wieder rein und finden raus, was es mit unserem Freund hier auf sich hat. Wahrscheinlich ist er aus irgendeinem Zirkus abgehauen.“

Timo schmunzelte. „Oder er gehört dem Sultan. Und ist dir nachgelaufen!“ Opa Ehrlich nickte zufrieden. „Gut möglich. Aber weißt du was? Vorher machen wir noch ’n Foto! Findest du nicht, dass er mit den Decken aussieht wie ein riesiger Säbelzahntiger?“

„Oah, Opa!“


Zur Person: Jochen Distelmeyer, 48, war Sänger der Hamburger Band Blumfeld, bis die sich 2007 auflöste. Seitdem ist der Musiker auf Solopfaden unterwegs. Am 12. Februar erscheint sein neues Album „Songs From The Bottom Vol. 1“ (Four Music).