HOME

Deutsche Musik: Neue Künstler braucht das Land

Deutsche Bands stürmen die Charts, und trotzdem wird der Ruf nach einer Quote fürs Radio nicht leiser. Brauchen wir diese tatsächlich? Und wie viel Hörenswertes bietet die deutsche Musikszene wirklich?

Von Nele Justus

Ein Ruf tönt durch Deutschland: Eine Musikquote muss her. Weg mit dem angloamerikanischen Einheitsgedudel im Radio, das eh keiner mehr hören will. Es wird Zeit, dass die Radiostationen endlich ihr Musikprogramm ändern und jungen deutschen Künstlern mehr Platz darin einräumen. Deutsche Musik braucht das Land!

Chartstürmer

Verfolgt man die Debatte zur Musikquote, könnte man fast meinen, die Radiostationen hätten der deutschen Musik den Garaus bereitet. Dabei zeigt sich doch zurzeit ein ganz anderes Bild. Wirft man einen Blick in die Charts stellt man schnell fest, dass dort die deutsprachige Künstler überproportional vertreten sind. Acht deutsche Bands sind allein in den Top 20 der Albumcharts vertreten. Ganz weit vorne junge Bands wie "Juli" und "Silbermond". Deutsche Musik boomt. Das bestätigt auch Programmdirektor Marzel Becker von Radio Hamburg. "Deutsche Musik verkauft sich außerordentlich gut".

Auf die Frage, ob es einen neuen deutschen Trend gibt, antwortet er mit "Jein": "Deutsche Musik gab es schließlich schon immer, aber vielleicht sind die Plattenfirmen jetzt aufmerksamer geworden." Warum gerade jetzt die Bands nach oben kommen, kann aber auch er sich nicht erklären. Er sieht aber die Gefahr, dass jetzt alles, was deutsch singt, unter Vertrag genommen wird, ob nun gut oder nicht. Damit könnte der Boom der deutschen Musik, wie damals in den 80er Jahren bei der "Neuen Deutsche Welle" auch ganz schnell wieder vorbei sein.

Frank Plasa, Inhaber des Labels "Safety Records" in Hamburg und Produzent von Bands wie "Selig" und "Echt", sieht den Aufschwung deutscher Musik als eine "Zeiterscheinung". "Die Menschen sind ermüdet von all den Superstars. Sie wollen jetzt was anderes hören". Einen neuen deutschen Trend sieht er aber nicht. Er spricht von einem "Deutschen Wahn". "Viel Zweifelhaftes wird jetzt auf die Konsumenten zukommen", sagt er.

"Die Musik in Deutschland steht nicht gut da"

Denn nicht alles, was deutsch ist, ist auch per se hörenswert. "Die Musik in Deutschland steht nicht gut da", sagt Plasa. Sein Schreibtisch quillt zwar über vor Demotapes, doch leider lässt die Qualität zu wünschen übrig. "Die machen nichts Eigenes mehr." Viele Texte sind zu flach und die Musik zu einfallslos. Deswegen findet er eine gesetzlich vorgeschriebene Deutsch-Quote "unsinnig" und gefährlich. Nach seiner Aussage müssen Musiker gute Musik machen, "dann haben sie auch die Berechtigung, gespielt zu werden".

Die Kritik, dass der musikalische Nachwuchs keine Chance hätte, weist Marzel Becker zurück. Radio Hamburg spielt jede Stunde eine Neuerscheinung, ab 19 Uhr sogar drei. Damit machen Neuerscheinungen zehn bis 20 Prozent des Musikprogramms aus. "Die Hörer wollen neue Titel hören", sagt Becker, "es muss nur ein gesundes Verhältnis gefunden werden". Dennoch haben sich viele Radiostationen dazu entschieden, keine neuen Titel zu spielen. "Horrorgeschichten", wie mit Neuerscheinungen umgegangen wird, hört man laut Becker aber häufig aus dem Lager der öffentlich-rechtlichen Sender. "Und dabei müssen gerade die nicht auf die Quote schielen".

"Mut zur Wagnis"

Produzent Frank Plasa wünscht sich von den Radiostationen mehr "Mut zur Wagnis". Er kenne kein Medium, das so ängstlich ist wie dieses. Er erhofft sich von den Redakteuren, dass auch mal Titel gespielt werden, die nicht getestet sind, und dass sie mehr aus dem Bauch heraus entscheiden.

Aber auch Plasa sieht die Zukunft für Nachwuchskünstler nicht so schwarz, wie viele sie darstellen. Er ist seit Jahren in der Musikbranche. Deutsche Bands und Künstler hat er produziert und zum Erfolg geführt, und auch selber war er jahrelang als Musiker tätig. "Gute Musik setzt sich immer durch", sagt er. "Wir brauchen nur mehr Künstler, die an das glauben, was sie tun. Leute, die für das, was sie tun, brennen."

Keine Quote braucht das Land - nur eine neue Art von Künstlern.

Themen in diesem Artikel