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Interview Diane Weigmann: Die Welt zu Füßen

Seit über 15 Jahren setzt die Popmusikerin Diane Weigmann ihren Kopf durch, im Beruf und im Privatleben. Ein Gespräch mit der Ex-Lemonbabies-Sängerin über die Kunst, eine eigene Identität zu finden - ohne dabei über Leichen zu gehen.

Frau Weigmann, wenn man als Frau selbstbewusst auftritt, bekommt man schnell den Stempel Emanze aufgedrückt. Wie schafft man es, jenseits solcher Kategorien eine eigene Position zu finden?

Ich glaube, das hat ganz viel mit deinem Umfeld zu tun. Wenn du schon früh gemeinsam mit anderen Menschen Sachen ausprobierst und erste eigene Projekte wagst – dann fällt’s dir viel leichter, einen eigenen Standpunkt zu finden. Denn du bist nicht die Einzige, die nach vorne prescht und auf ein Ziel losrennt. Natürlich gibt es dabei auch Regeln, die man befolgen muss: Deine Freiheit ist grenzenlos, aber im Grunde genommen hört sie da auf, wo du in den Bereich eines anderen hineinpreschst. Wenn du solche Regeln subtil beherrschst und befolgst, dann bist du weniger eine Emanze oder eine anstrengende Persönlichkeit. Sondern jemand, der geradlinig seinen Weg geht.

Als Sängerin der Lemonbabies waren Sie schon mit 15 Teil einer Gruppe von vier Mädels. Hat man da überhaupt eine Chance, die eigene Identität zu entwickeln?

Gerade in einer Gruppe geht das sogar schneller, als man denkt! Weil andere Menschen diese vier Personen, die ihnen innerhalb kurzer Zeit begegnen, einer Kategorie zuordnen müssen. Wenn du merkst, du wirst in eine Schublade geschoben, die dir gar nicht gefällt, dann fängst du sehr früh an, innerhalb der Gruppe zu gucken: Wofür schätze ich die anderen? Und wofür schätzen die mich? Bin ich wirklich das, was ich auf den ersten Blick zu sein scheine? Gerade dadurch, dass man miteinander und aneinander wächst, ist es ziemlich leicht, seinen eigenen Charakter viel besser und geschliffener hervorzubringen.

Allerdings wissen die wenigsten schon als Teenager, was sie in Zukunft machen wollen. Wie findet man heraus, was man vom Leben erwartet?

Ich glaube, indem man es ausprobiert. Am allerbesten weiß man, was man will, wenn man weiß, was man nicht will. Wenn du dich zum Beispiel zwischen zwei Gerichten nicht entscheiden kannst, lässt du jemanden anderen sagen, was er dir vorschlägt. Und spätestens, wenn du denkst: Chicken Tandoori, nee, das wollte ich eigentlich nicht, dann weißt du, du wolltest das andere Gericht haben! Und genauso ist es auch im Leben.

Ist nicht die Gefahr groß, dass man beim vielen Rumprobieren aus den Augen verliert, wer man wirklich sein will?

Da haben Sie recht. Rumprobieren bedeutet aber eben auch, relativ schnell zu einem Ergebnis zu kommen, mit dem man sich erst einmal zufriedengeben muss. Außerdem ist es die älteste Regel der Welt: Die Praxis macht Erfahrung. Wer alles im stillen Kämmerlein in strenger Selbstjustiz mit sich selbst ausmacht, der kann nicht weiterkommen! Der kann nur auf der Stelle treten.

In Ihrem neuen Song "Schlüsselkind" singen Sie davon, dass am Ziel ankommt, wer selbstbestimmt seinen Weg geht. Heißt das im Klartext: nicht reinquatschen lassen und das eigene Ding kompromisslos durchziehen?

Ohne Rücksicht auf Verluste: nein. Sein Ding durchziehen bis zu dem Punkt, zu dem dich dein innerer Motor treibt: ja.

Aber es gibt Entscheidungen, die man treffen muss und bei denen es darum geht: Entweder bleibt man selbst auf der Strecke, oder man geht über Leichen.

Klar. Du bist in einem Gewissenskonflikt, und jemand rät dir: Mach dieses. Dein Bauchgefühl sagt dir: Mach jenes. Wie geht man mit so etwas um? Da gibt es einen ganz einfachen Trick: eine Nacht drüber schlafen und im Zweifelsfall deine besten Freunde fragen.

Wenn ihre besten Freunde sagen: Geh über die Leiche! Was dann?

Dann gibt es immer noch einen Weg, so viel Kommunikation in diese Angelegenheit zu bringen, dass die Leiche, über die man geht, sich nicht wie eine Leiche fühlt. Wenn es zum Beispiel sein muss, dass man sich von Menschen trennt, mit denen man gearbeitet hat. Dann ist das etwas, was sich meistens über einen längeren Zeitraum hinaus vorfühlen lässt. Je eher man anfängt, über solche Gefühle zu reden, umso leichter kommen Probleme gar nicht erst auf. Oder es wird umso klarer, dass eine Trennung notwendig ist.

Für Sie hat die Suche nach einem eigenen Weg also viel mit Sich-Erklären zu tun?

Weigmann: Auf jeden Fall. Nur, wer kommuniziert, kann verstanden werden. Und nur, wer verstanden wird, kann auf Augenhöhe respektiert werden, wenn er im Zweifelsfall mal eine Kritik austeilen oder eine Führungsposition einnehmen muss. Es macht keinen Spaß, Boss zu sein. Aber es gibt Mittel und Wege, die es einem ermöglichen, auch mal derjenige zu sein, der etwas bestimmen muss – ohne andere dabei unter sich zu stellen.

Gehört zum Finden einer eigenen Identität eigentlich Egoismus?

Das ist eine echt spannende Frage. Zum Beispiel: Du bist gerade in einer Phase deines Lebens, und du hast das Gefühl, es könnte mal wieder einen Schritt weitergehen. Das kennen wir alle, jeder hat irgendwann solche Visionen, heimliche Wünsche oder Sehnsüchte. Ich frage mich ganz oft: Ist das etwas Gutes, oder ist das etwas Schlechtes? Ist das was Gutes, weil es quasi der Motor ist, der uns am Laufen hält und uns dazu bringt, gut durch unser Leben zu gehen? Oder ist das etwas, das uns vom Wesentlichen abhält, weil wir verlernen, zufrieden zu sein? Da bin ich noch nicht so richtig dahintergekommen.

Da könnte man die Frage anschließen: Ist es überhaupt nötig, einen eigenen Weg zu suchen

Genau! Auf der anderen Seite glaube ich, dass es eh nicht um die Befriedigung von Wünschen geht. Es geht um die Vorstellung davon, wie die Befriedigung von Wünschen sich anfühlen wird. Das ist es, was wir genießen. Es geht weniger um das Auspacken der Geschenke als um die Vorfreude auf den Inhalt.

Kommt man bei der Suche nach Identität also nie an einem Ziel an?

Doch, auf gewisse Weise schon. Je älter man wird, desto mehr fängt man an, gnädig und milde mit sich selbst zu sein. Das ist der Punkt, wo’s interessant wird. Wenn du Sachen akzeptieren kannst, die dich an dir selbst stören, dann schaffst du das bei anderen Menschen auch. Und wer es grundsätzlich schafft, auf Eigenarten von Menschen nicht genervt zu reagieren, der schafft es auch ziemlich gut, das eigene Leben sortiert und vor allem glücklich zu leben.

Auf Ihrem neuen Album "Im Zweifelsfall noch immer" gibt es ein Stück, in dem es heißt: "Hauptsache Anderssein, vielleicht schränkt das uns nur ein." Führt der Wille, unique zu sein, dazu, dass man am Ende gar nicht mehr man selbst ist?

Ja, sehr sogar. In diesen schickeren Ausgehbezirken in Berlin gibt es zum Beispiel Menschen, die haben ein Hosenbein hochgekrempelt und das andere nicht. Wenn ich sehen könnte, dass die vom Fahrrad kommen, dann würde es mir wahrscheinlich nicht mal auffallen. Aber du siehst, mit wie viel Liebe zum Detail in jeder Stofffalte eine unterschwellige Botschaft versteckt ist. Und diese unterschwelligen Botschaften, die machen mich fertig. Ich kriege das Gefühl: Entweder ich selbst habe keine Botschaft. Oder meine Botschaft lautet: Ich kümmere mich nicht um mich und sehe ungepflegt aus.

Ein letztes Songzitat: "Wenn es heute nicht läuft, dann läuft es morgen." Wie viel Optimismus ist nötig, damit man tatsächlich nicht aus den Augen verliert, was man will?

Es gibt wahnsinnig viele Leute, die haben wirklich große Ziele. Und machen dann das, was ich gerne als "das Pferd von vorne aufzäumen" bezeichne. Sie stehen quasi schon auf der Trabrennbahn, ohne dass das Pferd auch nur ein Hufeisen unter den Füßen hat. Es ist schön, in der Vision Schritt drei zu haben. Aber zu Schritt drei müssen Schritt zwei und Schritt eins gehören. Und die musst du gehen, bevor du zu Schritt drei kommen kannst.

Also ist eher gute Planung als Optimismus notwendig.

Genau. Oder besser: zielgerichteter Optimismus. Es nützt nichts zu denken: Hier bin ich, Welt, liege mir zu Füßen! Jeder muss immer wieder kleine Misserfolge und Enttäuschungen einstecken. Ich habe herausgefunden, dass die Umwege, die man auf dem Weg zum Ziel oft gehen muss, wichtig sind. Um im Endeffekt da anzukommen, wo man sich hingesehnt hat.

Interview: Juliane Rusche