Interview mit Thomas Anders "Lieder für die Ewigkeit"


Thomas Anders will antreten, um für Deutschland den Grand Prix zu gewinnen. Aufgrund seiner Popularität in Osteuropa rechnet er sich gute Chancen aus. Im Vorentscheid muss er allerdings noch Vicky Leandros und Olli "Dittsche" Dittrich schlagen.

Wie kam es dazu, dass Sie sich dazu entschlossen haben, beim deutschen Vorentscheid des Grand Prix antreten?

Die NDR-Redaktion kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, mitzumachen. Ich fand das neue Auswahlverfahren sehr interessant: drei renommierte Künstler aus Deutschland für den Wettbewerb zu gewinnen, die jeder kennt und die für Qualität stehen. Musikalisch kommen wir uns nicht in die Quere.

Wie bewerten Sie die Konkurrenz?

Man darf Konkurrenz nie unterschätzen. Wer das tut, hat verloren. Jeder auf seine Weise hat Erfolg. Vicky Leandros, die im Schlagersektor angesiedelt ist, Olli Dittrich, der Comedy-Kultur macht. Ich bin sehr gespannt, wie das Publikum entscheidet. Wem die Deutschen im Ausland die meisten Chancen einräumen. Für mich gibt es zwei Bewertungskriterien: Die einen entscheiden, ob ihnen Interpret und Song gefällt, die anderen Telefonwähler gehen strategisch vor – und zwar danach, wer Deutschland nach vorne bringen könnte.

Welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Ich traue mir zu, für Deutschland zu gewinnen. Ich habe in allen Ländern, die beim Song Contest dabei sind, Platten verkauft. Mit Thomas Anders kann garantiert jeder zweite Lette was anfangen. Statistisch gesehen existiert in jedem russischen Haushalt eine Platte von mir. Das ist ein Vorteil.

Fällt jetzt nicht ein großer Teil des Spaßes weg, wenn es nur drei Kandidaten gibt, mit denen man mitfiebern kann?

Für mich ist das kein Spaß, sondern bitterer Ernst. Der Vorentscheid war für viele Teilnehmer ein Sprungbrett. Aber seien wir mal ehrlich: Von acht der zwölf Kandidaten haben wir vorher nie etwas gehört und nachher auch nicht. Diesmal liegt der Reiz darin, dass diese Künstler eine Geschichte haben. Deswegen ist es nicht langweilig.

Sie wollen den Grand Prix wieder voran bringen - wie soll das funktionieren?

Mein Ziel ist es, mit meinem Titel zu überzeugen. Ich habe "Songs that live forever" zusammen mit einem Musikerfreund geschrieben, betextet hat ihn Ina Wolf, eine Österreicherin. Es ist eine Ballade, aufgenommen mit den Warschauer Symphonikern. Die Idee dahinter: Wir hören ständig nebenbei Musik, im Radio oder Musikfernsehen. Aber sie berührt uns viel mehr, als uns bewusst wird. Sobald ein Titel kommt, mit dem ich eine persönliche Geschichte verbinde, läuft ein Film ab, der mich innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde in eine andere Welt transportiert.

Wie wird Ihre Performance aussehen?

Ich werde am Flügel sitzen. Es dürfen nur bis zu sechs Personen auf der Bühne sein. Obwohl der Song danach schreit, kann ich also nicht mit einem 60-Mann-Orchester antreten. Zu einer Ballade passen aber auch keine Steptanz-Einlagen. Der Song funktioniert über Gefühle, er muss berühren.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Mein Album "Songs forever" erscheint am 3. März. Es sind von mir ausgesuchte musikalische Highlights der 80er Jahre, die ich neu interpretiere, arrangiere und mit Orchestersound "Swing" verleihe. "For your eyes only", "Cry for help" bis "All around the world" von Lisa Stansfield oder "True" von Spandau Ballett. Die Aufnahmen wurden komplett mit dem Babelsberger Studioorchester und den Warschauer Symphonikern eingespielt.

Wo ist die künstlerische Weiterentwicklung, wenn Sie in den 80er Jahren kramen?

Hören Sie es sich an.

Erzählen Sie es mir.

Sie werden einen ganz anderen Thomas Anders erleben. Aus Disco-Songs wurde beispielsweise Bossa Nova gemacht. Es ist ein unglaublich stimmungsvolles Album, man kann seine Gedanken fliegen lassen, vor dem offenen Kamin, als Dinnermusik. Ich würde es nicht zum Hausputz empfehlen, man könnte den Lappen wegwerfen.

Wie ist das Album entstanden?

Mein musikalischer Leiter und ich haben uns durch Stapel von amerikanischen Billboard-Charts, deutschen und europäischen Charts von 1980 bis '89 gewühlt: Erst haben wir 120 Titel ausgewählt, daraus wurden 48, nach einer Sitzung bei der Plattenfirma blieben 28 übrig. Davon wurden komplette Klavierarrangements gemacht. Nicht jeder Titel eignet sich für ein neues musikalisches Gewand. "If you leave me now" von Chicago ist so perfekt, was will man daran anders machen? Letztendlich landeten 13 Songs auf dem Album.

Verfolgen Sie das aktuelle Musikgeschehen in Deutschland?

Ich schimpfe über die Radioformate, aber es hat auch etwas Gutes. Man ist drei Stunden auf der Autobahn unterwegs und schon weiß man, was angesagt ist. Die Musikvielfalt war noch nie so groß wie heute. In den Top Ten findet man 50 Cent neben Madonna und Diana Krall – ein unfassbar weites Spektrum. Persönlich finde ich Michael Bublé toll, Katie Melua und auch Madonna.

Ihr einstiger Weggefährte Dieter Bohlen sitzt jeden Samstagabend in der Jury von "Deutschland sucht den Superstar". Sehen Sie sich die Sendung an?

Man kommt nicht daran vorbei, wenn man zappt. Es geht der Sendung nicht um die musikalischen Qualitäten des einzelnen Interpreten, sondern um das Sendeformat - was absolut legitim ist. Aber es interessiert und inspiriert mich nicht. Da spiele ich lieber mit meinem Sohn.

Vicky Leandros steht seit über 40 Jahren auf der Bühne. Udo Jürgens ist gerade zum 120. Mal auf Tour gegangen - werden auch Sie noch in hohem Alter dabei sein?

Ich glaube nicht, dass Udo Jürgens vor 30 Jahren dachte, dass er im Winter 2006 zum 120. Mal auf Tour geht. Diese Langzeitplanung können wir in unserem Job nicht machen. Meine Perspektive erstreckt sich über drei bis fünf Jahre, länger kann ich nicht voraus denken.

Haben Sie Angst, dass Sie irgendwann nur noch eine ganz bestimmte Zielgruppe erreicht?

Grundsätzlich ist es ein Gottesgeschenk überhaupt eine Zielgruppe zu erreichen. Es gibt viele Künstler, die haben gar keine. Wenn man Fans über mehrere Generationen anspricht, ist das nie geplant, sondern Zufall. Durch Hits, durch besondere Umstände wurde jemand wie Udo Jürgens zur Kultfigur. Ich werde mich nicht quer legen, bei den 10- bis 12-Jährigen angesagt zu sein. Ich beschränke mich auf die Zielgruppe, bei der ich das Gefühl habe, die verstehen meine Musik, die verstehen mich als Mensch.

Interview: Kathrin Buchner

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