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"Tatort" aus Dortmund: Dies ist (k)eine Faber-Hymne

Ein bisschen verschluckt hat sich der Dortmund-Tatort an seiner elegischen Erzählweise im Gegenlicht. Sehenswert ist er trotzdem. Allem voran wegen Faber. Der in seiner Rolle weiter wächst.

Von Vivian Alterauge

Kommissar Peter Faber tröstet Martin (Mats Hugo), den Sohn des Verstorbenen.

Kommissar Peter Faber tröstet Martin (Mats Hugo), den Sohn des Verstorbenen.

Prolog: Dies ist keine Faber-Hymne. Und trotzdem kommt man nicht umhin, diesen einen Satz zu tippen: Jörg Hartmann macht einfach jeden Dortmund-"Tatort" sehenswert. Punkt.

Das Stadtmarketing muss sich diesmal jedenfalls nicht vor Sorge grämen. Keine Nazis, keine Zuhälter, nein es geht schlicht um das schöne Dortmund. Nobelbungalow mit Designklassikern, freistehendem Kochblock, und einem Baumhaus für den Sohn, ein Mini für die strahlend schöne Ehefrau. Der Mann Devisenhändler. Und Waghalsiger. Vom Hochofen in den Tod gesprungen.

"Schwerelos" heißt der "Tatort". Und dieses Gefühl, dass sich nach den Sekunden der Leichtigkeit einstellt, der freie Fall, Flucht, Adrenalin, steckt in jedem Charakter des aktuellen Falls. Erstmals schrieb nicht Jürgen Werner das Drehbuch, sondern Ben Braeunlich.

Der Devisenhändler Leo Janek verletzt sich bei einem missglückten Basejump vom Geländer des Phoenix West so ernsthaft, dass nach wenigen Tagen seine lebensverlängernde Maßnahmen abgestellt werden. Ungebremst prallte er auf. Faber findet seinen zerschnittenen Fallschirm vergraben inmitten des Hochofens. Klar, dass die Ermittler zunächst seine hedonistischen Freunde im Visier haben, selbst Basejumper. Nicht nur hatten sie ihn in der Nacht begleitet, auch findet Oberkommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske) Blutspuren des Verunglückten im Jeep von einem der Freunde, dem Inhaber eines Fallschirmspringer-Clubs.

Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) sucht das Risiko: Mit Jules Lanke (Albrecht Schuch), einem Freund des Opfers und Tatverdächtigen, wagt sie einen Fallschirmsprung.

Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) sucht das Risiko: Mit Jules Lanke (Albrecht Schuch), einem Freund des Opfers und Tatverdächtigen, wagt sie einen Fallschirmsprung.

Ein Psychodrama im goldigen Gegenlicht

Tatsächlich entwickelt sich der elegisch erzählte Fall zu einem Psychodrama, der die Frage nach dem Kick, dem richtigen Lebensgefühl aufwirft. Ein Haus mit Kindern? Eine solide Ehe? Arbeit bis zum Umfallen? Nee. Lieber aus Flugzeugen, von Häusern und Brücken stürzen. Sogar Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) erliegt, apathisch vor Schmerz über die Trennung von Kossik und ihre Abtreibung, diesem Eskapismus in luftiger Höhe. Und lässt sich dann auch noch auf einen der Basejumper ein.

Leider verharren diese guten Gedanken an der Oberfläche. Sie schweben, um im Jargon des Films zu bleiben, haben zu wenig Gewicht. Die Kameraführung in unterschiedlichsten Perspektiven, als Vogel, als Drohne, aus der Luft und in den Himmel hinein, sind wirklich schön anzusehen. Doch drängen sie den Fall ein wenig in den Hintergrund. Dazu verliert sich die leidende Kommissarin Dalay zu sehr in ihren teenieesken Grenzerfahrungen und suhlt sich dazu im goldigen Gegenlicht.

Faber zieht an allen vorbei

Und während Kossik schoßhündig hinterherhechelnd versucht, sie vor weiteren Dummheiten zu bewahren, während Bönisch gedanklich eher nach ihrem verschwundenen Sohn als dem Mörder sucht, zieht Faber mal wieder an allen vorbei. Plötzlich ist er nicht mehr der bellende Depri-Ermittler, sondern Peter, der Polizist. Der den Jungen des Verstorbenen beinahe umgarnt, liebkost, mit ihm abhängt. Er redet und wiegt Witwe und Sohn in den Schlaf. Plötzlich kann er sich mit seinen Verlusterfahrungen nützlich machen.

Faber wandelt sich immer mehr. Ohne an Charme zu verlieren. Seine Wut ballert er allenfalls noch beim Tennis übers Netz. Stattdessen zeigt er seine weiche, die fürsorgliche Facon. Natürlich ermittelt er weiterhin auf Dachsimsen. Und geht darin auf, Schlüsselszenen seiner Fälle nachzuspielen - zum Leid seiner Kollegin Martina Bönisch. In einer Szene zwingt er sie zu Boden, sie soll den Moment nach dem Unfall nachempfinden. ("Legen Sie sich mal hin, seien Sie mal bewusstlos"… "Du hältst die Klappe, du bist bewusstlos.")

Seine ehrliche Aufmerksamkeit gilt jedoch dem vernachlässigten Sohn des Getöteten – Täter und Opfer zugleich. Auch das kombiniert sich Faber zurecht. Am Ende liegt die Tatwaffe, eine blaue Papierschere, vor der regenbetupften Scheibe auf dem Armaturenbrett seines Saabs. Bis Bönisch mühevoll das Fenster herunterkurbelt - damit Faber sie hinauspfeffern kann. Einen Schuldigen haben sie schließlich nicht gefunden.