Wie immer wirft die Fußball-WM lange Schatten voraus, diesmal jedoch weniger in sportlicher als in politischer Hinsicht. Insbesondere die Lage in den Vereinigten Staaten unter Donald Trump wird vor dem sportlichen Großereignis in den USA, Kanada und Mexiko auch im TV ausgiebig analysiert. So etwa in der ARD-Dokumentation "Spielfeld der Macht", für die sich "Tagesthemen"-Moderator Ingo Zamperoni und Sportjournalist Philipp Awounou auf eine erkenntnisreiche Reise durch das Land begeben haben. In ihrem Film treffen sie auf unterschiedlichste Bewohner einer gespaltenen Nation, fragen nach dem Stellenwert des Sports für das Selbstbild der US-Amerikaner und nach seiner Instrumentalisierung durch den Präsidenten.
Noch nie, so das Verdikt, habe ein US-Präsident den Sport so für seine eigenen Zwecke auszunutzen versucht. Und so geht es in der einstündigen Reportage viel um Politik und Außenwirkung eines Landes, das sich inmitten zahlreicher Krisen befindet. Seien es der Iran-Krieg und seine Folgen, die gereizten Beziehungen zu den mitgastgebenden Nachbarländern oder Trumps umstrittene Entscheidungen im Inneren, wie die Gewalt seiner ICE-Behörde gegen Migrantinnen und Migranten. Die Menschen hätten "eine Skepsis im Hinterkopf", umschreibt Zamperoni die Stimmung auch bei jenen mit Vorfreude auf die WM: "Wird es wirklich ein Fest für alle?" Mit Folgen: Auf die Kritik aus dem In- und Ausland folgte die Sorge vor ausbleibenden Besuchermassen.
"Willkommene Auszeit von politischen Debatten"
"Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in einem Land leben würde, in dem Böswilligkeit, Bosheit und Niedertracht normal sind", kritisiert etwa Greg Blache, seines Zeichens ehemaliger Football-Coach und Zamperonis Stief-Schwiegervater. Wie schon in seinen letzten USA-Dokumentationen anlässlich der Wahlen involviert der mit einer US-Amerikanerin verheiratete ARD-Moderator auch seine Familie in den Staaten. Aus Sicht von Blache, mit dem das Journalistenduo ein Spiel des NFL-Teams Green Bay Packers erlebt, werde der Sport in den USA mehr und mehr politisiert. Eine These, die durch manche Begegnung untermauert wird – etwa jene mit Sportinfluencerin Emily Austin, einer Trump-Unterstützerin mit Millionen Followern.
Auf der anderen Seite illustriert der Film, dass Sport nicht spalten muss, sondern Menschen zusammenbringen kann: "Im Kern hat Sport auch etwas unpolitisch Vereinendes", weiß Basketball-, Fußball- und Sportpolitik-Experte Philipp Awounou. Für viele US-Bürgerinnen und -Bürgern könne er eine "willkommene Auszeit von politischen Debatten" bieten.
Klinsmann blickt skeptisch auf politische Aktionen im Fußball
Zu Wort kommt auch Fußball-Weltmeister Jürgen Klinsmann, der seit Jahrzehnten in Kalifornien lebt und nicht nur die deutsche Nationalmannschaft, sondern auch das US-Team trainierte. Beim Treffen für die Reportage blickt der 61-Jährige, der die US-Staatsbürgerschaft besitzt, skeptisch auf die Politisierung des Sports: "Fußballmannschaften, die zu einem Turnier anreisen, haben einen Job: erfolgreich Fußball zu spielen und nichts anderes." Protestaktionen wie jener der deutschen Nationalspieler vor vier Jahren in Katar kann Klinsmann nicht viel abgewinnen.
Bei ihrem Roadtrip durch die USA treffen Zamperoni und Awounou, die den Film gemeinsam mit Dominic Egizzi produzierten, zudem unter anderem auf die Ex-Fußballerin Ali Riley, den Soziologen Ben Carrington, den Football-Fan Jon "Big Nut" Peters, die Harlemer Basketballcourt-Ikonen Bob McCullough und Bob McCullough jun. sowie auf den Kampfsportler und Trump-Unterstützer Dustin Jacoby.
Die WDR-Produktion "Spielfeld der Macht. Die WM in Trumps Amerika" ist bereits in der ARD-Mediathek abrufbar. Um die WM und die Situation in den USA geht es auch im Anschluss an die lineare Ausstrahlung am Montag, 8. Juni, im Talkformat "Arena": Ab 21.15 Uhr empfängt das Moderatorenduo Jessy Wellmer und Louis Klamroth im Ersten SPD-Minister und Vizekanzler Lars Klingbeil, der die Fragen der Bürgerinnen und Bürger zum Thema beantwortet.
Spielfeld der Macht – Mo. 08.06. – ARD: 20.15 Uhr