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ESC 2022 Mit rosa Hut gegen Putin – steht der Sieg der Ukraine schon fest?

Die Band Kalush Orchestra steht auf der Bühne in Turin und singt
Die ukrainische Band Kalush Orchestra stehen bei den Proben zum Eurovision Song Contest in Turin auf der Bühne.
© Luca Bruno / DPA
Noch nie war der Eurovision Song Contest so politisch wie in diesem Jahr: Die Ukraine scheint uneinholbar. Dabei gibt es bessere Lieder.

Es ist die Sorte von Hut, die Mallorcatouristen am Ballermann tragen oder betrunkene Fußballfans im Stadion. Auf dem Kopf von Oleh Psiuk, dem Sänger der ukrainischen Band Kalush Orchestra, thront eines dieser Eimerhutmodelle in Rosa. Ein bisschen albern, aber durchaus einprägsam. Ein Markenzeichen. Und hätte Putin nicht gerade viele andere Probleme dürfte man annehmen, dass er von diesem Hut nachts schlecht träumt. Denn, Geschmack hin oder her, die Kopfbedeckung könnte am Samstagabend zum Symbol einer politischen Botschaft Europas gen Moskau werden. Nämlich dann, wenn die Ukraine den Eurovision Song Contest gewinnt. Und das ist ziemlich wahrscheinlich.

Buchmacher, Fans oder die vielbesagten ESC-Experten, die orakeln, Diasporastimmen in Betracht ziehen und Abstimmungsverhalten aus den vergangenen Jahren abwägen, sind sich 2022 einig: Die Ukraine wird den ESC gewinnen. Das liegt weniger am Song „Stefania“, einem hymnenhaft vorgetragenen Wehmutslied, in dem Psiuk seine Mutter besingt. Es geht am Samstagabend um mehr als Musik, nämlich um Politik. Ausgerechnet der ESC, der von sich behauptet, unpolitisch zu sein und es in Wahrheit nie war, könnte ein Zeichen setzen.

Italien und Schweden beeindrucken beim ESC 2022

Gewinnt die Ukraine, wird sich Europa an einem Liederabend verbrüdert haben. Gegen Krieg. Für die Freiheit. Ein schöner Gedanke, ganz im Geiste des Eurovision Song Contest. Dabei, das muss man konstatieren, sind die musikalischen Qualitäten von "Stefania" überschaubar. Dank der Flötenelemente zwar durchaus originell, doch darüber hinaus im wundersamen "So was gibt’s nur beim ESC"-Bereich einzuordnen.

Italien und Schweden, aber auch Großbritannien und die Niederlande liefern die bessere Musik. Starke Titel mit guten Interpreten, eindrucksvoll vorgetragen. Das Duett von Mahmood und Blanco hat das Zeug zum Sommerhit, die Schweden und Cornelia Jakobs mit ihrer unverwechselbaren Libretto-Stimme zeigen erneut, wie eindrucksvoll eine Inszenierung auf der Bühne wirken kann. Der bewegende Australier im wallenden Federmantel und der schneidige Model-Pole mit der Opernstimme: Gegen den rosa Hut scheinen sie alle chancenlos.

Unwägbar ist das Abstimmungsverhalten der Jurys, deren Stimmen mit 50 Prozent gewichtet werden. Sie sind eigentlich zur Abstimmung über musikalische Qualität verpflichtet. Doch auch dabei spielen sanfte Kriterien eine Rolle. Und Emotionen und Sympathien, so viel dürfte klar sein, hat die Ukraine auf ihrer Seite.

Beim Auftritt der Ukraine wird die Musik egal

Eines der Bandmitglieder von Kalush Orchestra kämpft an der Front des Krieges seines Landes und wird nicht in Turin dabei sein. Im Text über Mama Stefania heißt es: „Ich werde den Weg nach Hause finden, auch wenn alle Straßen kaputt sind.“ Die Zeilen wurden vor dem Ukrainekrieg getextet, passender könnten sie dennoch nicht sein. Aus Spaß mit rosa Hut wird bitterer Ernst. Keine Ballade des Abends ist eindrucksvoller.

Der Sieg wird also am Samstagabend wohl an die Ukraine gehen. Und Europa ein Zeichen setzen. Eines das stärker ist als alle Staatsbesuche in Kiew. Über 200 Millionen Zuschauer haben die Chance abzustimmen. Über ein Lied. Über ein Land. Und ja, über den Wunsch nach ein bisschen Frieden.


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