Die Bologna-Entführung
Kinderraub "im Namen des Papstes"

  • von Christopher Diekhaus
Papst Pius IX. (Paolo Pierobon, Mitte) lässt den kleinen Edgardo Mortara (Enea Sala) entführen, um aus ihm einen aufrechten Katholiken zu machen.
Papst Pius IX. (Paolo Pierobon, Mitte) lässt den kleinen Edgardo Mortara (Enea Sala) entführen, um aus ihm einen aufrechten Katholiken zu machen.
© Anna Camerlingo/ARTE

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Der Zweck heiligt die Mittel? "Die Bologna-Entführung" erzählt davon, wie ein ausgerechnet ein Papst zum Kinderräuber wird. ARTE zeigt das Historiendrama, das auf einer wahren Geschichte basiert, erstmals im Free-TV.

Die Kirche, besonders die katholische, schrieb in den letzten Jahren immer wieder negative Schlagzeilen. Unzählige Fälle von sexuellem Missbrauch und der unrühmliche Umgang hoher Würdenträger mit den Verbrechen sorgten für große Empörung und massenhafte Austritte. Dass sich die katholische Kirche in ihrer langen Geschichte schon früher unglaubliche Dinge zuschulden kommen ließ, ist kein Geheimnis. Manche Sünden sind der breiten Öffentlichkeit aber eher weniger bekannt. "Die Bologna-Entführung" greift eine ungeheuerliche wahre Begebenheit aus der Mitte des 19. Jahrhunderts auf. Der Untertitel des Films, den ARTE als Free-TV-Premiere zeigt: "Geraubt im Namen des Papstes".

Die jüdischen Eheleute Mortara (Barbara Ronchi und Fausto Russi Alesi) sind entsetzt, als Soldaten im Auftrag von Papst Pius IX. (Paolo Pierobon) in ihr Haus in Bologna eindringen und ihren siebenjährigen Sohn Edgardo (Enea Sala) nach Rom entführen. Da der Junge von seiner Amme einst heimlich getauft wurde, pocht das Oberhaupt der Kirche nun auf eine katholische Erziehung. Mit Unterstützung der liberalen Presse und der jüdischen Gemeinde machen die verzweifelten Eltern mächtig Wind. Der Pontifex indes ist fest entschlossen, Edgardo in seiner Obhut zu behalten.

True Crime im historischen Gewand

Auch in dieser Regiearbeit von 2023 arbeitet sich der inzwischen 86-jährige Filmemacher Marco Bellocchio ("Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra") an der Geschichte seines Heimatlandes Italien ab. "Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes" ist ein vielfach ausgezeichnetes True-Crime-Drama in historischem Gewand, das mit prächtig ausgestatteten Bildern aufwartet. Die Selbstherrlichkeit der Kirche und ihre Machtversessenheit beleuchtet der Regisseur ebenso wie die allgemein turbulente politische Phase, in die das Geschehen eingebettet ist. Der Raub Edgardos aus seinem Elternhaus fiel nämlich in die Zeit des sogenannten Risorgimento, der italienischen Einheitsbewegung, die Kirchenstaat und Kleinstaaterei bekämpfte. Relevanz besitzt der Film zudem auch vor dem Hintergrund der Bedrohung, der sich jüdische Menschen zuletzt wieder verstärkt ausgesetzt sahen.

Die Bologna-Entführung – Geraubt im Namen des Papstes – So. 10.05. – ARTE: 20.15 Uhr

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