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Spitzenpolitiker im Kulturcheck (6): Oskar mag's bodenständig

Wer sich von Oskar Lafontaines kulturellen Vorlieben ein bisschen Revolution und Rock'n'Roll erhofft, sieht sich getäuscht: Der Linke-Politiker steht auf Klassiker und Bodenständiges. Und sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, bei der Auswahl seiner Kumpel wenig wählerisch zu sein.

Kulturgeschichte
Wächst in Bubeninternat mit geschlossenem katholischem Weltbild auf: katholische Bibliothek, katholische Filme und ausgewählte Radiosendungen. Als er heimlich den Kriegsfilm "Schlacht um Stalingrad" schaut, fliegt er fast raus. Den Trompetenunterricht schmeißt er bald und lamentiert später: "Ich bedauere, kein Instrument spielen zu können." Dafür begeistert sich der gute Sänger für gregorianische Choralmusik. Heute, man sieht es ihm an, begreift er auch ein gutes Essen als "kulturelle Veranstaltung".

Kulturbeutel


Musik:

Als passendes Lieblingslied gilt "Le déserteur" von Boris Vian. Verehrt Flamenco, üppige Opern und die "Pracht der Stimme": Freddy Quinn oder den Tenor Josef Metternich. Singt im Freundeskreis angeblich noch heute die vertrauten gregorianischen Melodien.

Kino:

Seit Stalingrad liegen seine filmischen Vorlieben im Dunkeln.

TV:

Er schwört auf Staatsträgerin Sabine Christiansen und gibt sich sonst eher medienkritisch: "Je einsamer die Menschen sind, um so länger sitzen sie vor dem Fernseher."

Buch:

Mag Wolfgang Koeppen, Fjodor Dostojewski und gilt als belesen. Für Zweifler zitiert er in seinen eigenen Texten alles, was Rang und Namen hat: Tucholsky, Camus, Hesse, Mann, Baudrillard. Und Gerhard Polt.

Kunst:

Bezeichnet sich als visuellen Menschen: "Ich denke in Bildern." Er sammelt Kunst, nicht systematisch, sondern von ihm Nahestehenden: Zeichnungen von Tomi Ungerer, eine Radierung von Günter Grass.

Sonstiges:

War befreundet mit Heinrich Böll, ist es mit Peter Maffay, Konstantin Wecker und Ute Lemper. Er liebt sexistische Witze - auch eine Art von Kultur.

Sympathisanten


Sein alter Kumpel, der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka, der Schauspieler Peter Sodann, Mathieu Carrière oder der Musiker Andrej Hermlin (Swing Dance Orchestra).

Kultur-Panne


Richtige Intellektuelle werfen Lafontaine vor, bei der Auswahl seiner Kumpel wenig wählerisch zu sein. Und dass sein Verhältnis zu Künstlern etwas Mittelalterliches habe: Der Feudalherr leistet sich seine Minnesänger.

Fazit


Oskar trommelt gerne für die schönen Künste. Zitat: "Ein linkes Projekt ist ohne Kultur nicht denkbar." Steht ausnahmslos auf Klassiker und Bodenständiges. Rock'n'Roll und Revolution hebt er sich für den politischen Kampf auf. Irgendwie schade.

Texte: Agnes Fazekas, Helge Hopp, Hannes Roß, Matthias Schmidt, Bernd Teichmann