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"Tatort"-Kritik Blutgeld, Stasi und Grabplünderer


Das Mauerfalljubiläum ist knapp einen Monat her, da widmet man sich im Leipziger "Tatort" DDR-Vergangenheit. Saalfeld und Keppler decken krumme Machenschaften mit geplünderten Grabschätzen auf und perfektionieren dabei den Mechanismus guter Bulle, böser Bulle.
Von Kathrin Buchner

"Olle Kamellen", sagt der Pensionsbesitzer, "alte Zeiten" sagt auch die Mutter der Leipziger "Tatort"-Kommissarin Eva Saalfeld und klappt die Schatulle mit den Schwarzweißbildern zu. Stasi-Mitarbeiter haben Wanzen in Pensionszimmern angebracht, DDR-Volkspolizisten prügeln auf Menschen ein, die gegen die Zerstörung von Kulturgut durch das ostdeutsche Unrechtsregime demonstrieren. Wie gerne würden viele der damals Beteiligten einfach den Deckel über diese Kapitel deutscher Geschichte schließen, die Vergangenheit ruhen lassen, Schwamm drüber, nach vorne denken.

Doch gut einen Monat nach dem 20-jährigen Mauerfalljubiläum hat auch der Leipziger "Tatort" seinen Vergangenheitsbewältigungs-Kriminalfall. Es beginnt mit Brandstiftung: Ein Jugendzentrum in der Leipziger Innenstadt wird abgefackelt, darin befindet sich die Leiche eines Mannes. Das marode Gebäude gehört dem Antiquitätenhändler Ludwig Kleeberg (Dieter Mann), der ist hoch verschuldet und will das Grundstück gegen den Widerstand der Jugendzentrums-Betreiber an einen Investor verscherbeln. Zu DDR-Zeiten hatte Kleeberg mit Hilfe des damaligen Volkspolizisten und jetzigem Boxclub-Besitzers Norbert Zirner (Volkmar Kleinert) goldene Grabschätze aus der zerstörten Paulinerkirche beiseite geschafft und in den Westen vertickert.

Spannender Stoff bleibt ungenützt

"Falsches Leben" mit dem Ost-West-Ermittlerteam Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) erzählt ein Stück DDR-Historie, das im Westen wenig bekannt ist: wie SED-Parteifunktionäre im Mai 1968 die vor 700 Jahren von Dominikanermönchen erbaute Paulinerkirche einfach in die Luft sprengten. Das ist in der Tat ein Stück Geschichtsaufklärung am populären Sonntagabend-Fernsehtermin, auch wenn Drehbuchautor Andreas Pflüger munter Fiktion unter Fakten mischt. Aus Gräbern geplünderte Goldschätze, die berüchtigten Geldwäscher der "Kommerziellen Koordinierung" kurz "Koko" um den Devisenbeschaffer Schalck-Golodkowski - was wirklich passiert ist, und was nicht, wird nicht klar, aber es ist eigentlich Stoff genug für einen spannenden Thriller.

Drehbuch überfrachtet

Spannung geht diesem Krimi aber leider völlig ab. "Tatort"-Routinier Hajo Gies inszeniert den Fall eine halbe Umdrehung zu langsam, dafür um einen ganzen Handlungsstrang zuviel. Überflüssig ist der Auftritt von Serienfernsehmutter Thekla Carola Wied ("Ich heirate eine Familie") als ihres Kindes beraubte Kunsthistorikerin mit Saure-Gurken-Miene und Dackelblick, die zeitweise wie ein Gespenst ihrer selbst durch die Szenen geistert. Folter, Zwangsadoption - es sind einfach zu viele schwere Themen und zu viele Verwicklungen in diesen Fall eingebaut. Die Dialoge sind langweilig. Es ist eine kontrastreiche Tour de Force, die Leipzig zwischen Schönheit und Absturz zeigt, schäbige Hinterhöfe, Altbauwohnungen, aber auch Neubauten, eine prächtige Säulenvilla und einen Boxclub, das Tempo bleibt trotzdem gemächlich.

Der einzige Lichtblick: Das Zusammenspiel von Saalfeld und Keppler ist flapsig, mit der richtigen Balance zwischen Privatleben und Dienst, was bei weitem nicht allen "Tatort"-Teams so gut gelingt. Saalfeld gibt sich kratzbrüstig-keck, Sockenbügler Keppler bezirzt die Ex-Frau mit roten Rosen und prügelt sich mit dem Brandstifter im Boxring. Ganz nebenbei perfektionieren sie den Mechanismus "böser Bulle, guter Bulle". Das bringt noch ein bisschen Esprit und Witz in diese arg dröge Aufarbeitung der jüngeren Geschichte - auch wenn es durchaus löblich ist, sich solch "oller Kamellen" mal anzunehmen.


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