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"Tatort"-Kritik: Der Tod in den Katakomben von Berlin

Ein verrückter Künstler, illegale Partys und ein Toter: Die Berliner "Tatort"-Kommissare Ritter und Stark steigen in verborgene Welten im Untergrund der Hauptstadt ein, um den Mord an einem Bauunternehmer aufzuklären. "Oben und unten" steht auch für die Kluft in unserer Gesellschaft.

Von Kathrin Buchner

Ein Mann mit schwarzem Hut, Alu-Koffer und dunklem Mantel steht im U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz. Er sieht auf sein Handy und verschwindet neben den Gleisen im dunklen Tunnel. Stunden später taucht er als Toter wieder auf, bis Dienstschluss sitzt er unentdeckt in einem Bahnwaggon. Es handelt sich um Horst Baumann, einen Bauunternehmer, der mit einer spektakulären Pleite Handwerker und deren Betriebe in den Ruin gerissen hat, ein Mann ohne Skrupel mit Steherqualitäten und vielen Feinden. Mit einem Rohr wurde er erschlagen.

Doch wie mag der Tote in die U-Bahn gekommen sein, wenn alle Stationen per Kamera überwacht werden? Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) geht raus aus dem Büro, begibt sich auf die Suche, verbringt die Nacht im Zugdepot. Dabei entdeckt er eine Parallelwelt in Berlins Untergrund. Schächte, Rohre, Blutspuren, Matratze mit Schlafsack - er taucht ein in die Gedärme der Stadt, ein Schlund, der früher oder später ausspuckt, was er eingesogen hat. Ihm erscheint der verrückte Künstler Gregor (Harald Schrott), ein Ritter der Finsternis, der in seiner schwarzen Kutte wie ein Henker aus dem Mittelalter aussieht und die Entdeckung scheut wie der Teufel das Weihwasser. Zwischen seinen Gemälden, Farbtöpfen und anderen Mal-Utensilien findet sich der Koffer des Toten. Damit reiht sich der lichtscheue Spinner in die Liste der Verdächtigen ein.

Gespür für Symbol-Bilder und die gesellschaftliche Kluft

"Oben und unten", der 20. gemeinsame "Tatort" von Dominic Raacke und Boris Aljinovic als Kommissare Ritter und Stark, spinnt ein feines Beziehungsnetz durch Berlin. Das Neonlicht der U-Bahnstationen, Zuggleise im Morgengrauen und in der Abenddämmerung, der Fernsehturm, sanierte Luxuswohnungen, Hochhäuser, die Schächte unter der Hauptstadt - Regisseur Nils Willbrandt findet starke Symbolbilder für gesellschaftliche Kluften und die Diskrepanz zwischen Privilegierten der Oberschicht und den vielen Menschen ohne Chance. Himmel und Hölle, reich und arm, oben und unten.

Wie Verkehrsstränge, die sich an einem Knotenpunkt treffen, kreuzen sich am Alexanderplatz die Wege der Menschen, die der Ermordete in den Abgrund getrieben hat, finanziell oder seelisch. Der ruinierte Kleinunternehmer, der sich als Elektriker bei den Verkehrsbetrieben verdingt. Baumanns Ex-Frau, die im Einkaufswagen Flaschen aus den Mülleimern sammelt. Sein Sohn, der Zuneigung und Liebe der Eltern vermisst, aber als Erzieher verwahrloste Jugendliche betreut und schliesslich des Mordes überführt wird.

Guter Hauptstadt-Krimi mit einigen Längen

"Berlin, du kannst so hässlich sein", singt Peter Fox zu den Bildern der pulsierenden Großstadt - der "Tatort" zeigt aus dieser ungewöhnlichen Perspektive ein gelungenes Kaleidoskop der Hauptstadtbewohner, auch wenn die Angehörigen der Oberschicht eher steif und profillos bleiben, wie etwa Baumanns Ex-Frau Alissa (Muriel Baumeister) oder der Immobilienspekulant Alsfeld (Hansjürgen Hürrig). Einige Längen sind allerdings auch einem Perspektivwechsel beim Ermittlerteam geschuldet: Diesmal flirtet sich, statt wie so oft Raubein Ritter, der Familiensoftie Stark in radebrechendem Französisch an ein Au-pair-Mädchen heran - diesem Unterfangen hätte Drehbuchautorin Natja Brunckhorst durchaus mehr Witz und Charme verpassen können.