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TV-Tipp 18.10.: Theaterstück "Die Physiker": Wenn Dürrenmatt LSD genommen hätte

Vom Original ist nicht viel übrig. Und das ist gut so. Wer hätte schon gedacht, dass Dürrenmatts "Physiker", dieses geniale, aber völlig durchgenudelte Stück, noch einmal richtig provozieren kann?

"Ist das noch Max Frisch?" - Newton
"Die Physiker" 20.15 Uhr, 3Sat
THEATERSTÜCK Was haben sie die Nase gerümpft, die Damen und Herren Theaterfreunde, die auf der Bühne Wort für Wort zu sehen verlangen, was man zuvor in gelben Reclam-Heftchen nachgelesen hatte. Grellgelb ist bei Theaterregisseur Herbert Fritsch nur die Kulisse, eine Gummizelle mit Tresortür als Eingang, in der seine Schauspieler ganz wörtlich die Wände hochgehen. Ja, das war schon ein Husarenstreich: Da kehrten Dürrenmatts "Physiker" 2013 an ihre Heimstatt, das Schauspielhaus Zürich, zurück und waren kaum wiederzuerkennen.

Werktreue? Formulieren wir es mal so: Fritsch knallt sie auf den Boden, trampelt darauf herum und uriniert danach noch ein Weilchen auf ihren kümmerlichen Resten. Nein, verehrte Damen und Herren: This is not your father's Dürrenmatt. Und das ist verdammt nochmal gut so - haben wir unsere Dosis Dürrenmatt doch alle längst hinter uns: In der Schule auseinander genommen, im Theater besucht - kein Stück wurde auf Deutschlands Bühnen häufiger gespielt als "Die Physiker". Dabei ist das Ding - ein Meisterwerk, ja - erst ein gutes halbes Jahrhundert alt.

Fritschs beweist nun, dass Dürrenmatt noch lange nicht totgespielt ist: Seine Physiker sind körperlich im besten Wortsinne. Slapstickhaft und völlig überdreht hasten Einstein, Möbius und Newton über die Bühne. Reden nicht, sondern schreien, brüllen, kotzen ihre Zeilen dem Publikum entgegen. Purzeln übereinander, ineinander. Da wirbeln Krankenschwestern mit überdimensionaler Haube durch die Szenerie. Da hockt Fräulein Mathilde von Zahnd (Corinna Harfouch), einem Gargoyle gleich, auf der hohen Mauerecke. Da ermittelt ein Inspektor, weißgeschminkt wie aus einem Stummfilm zu Murnaus Zeiten. Da trifft Slapstick auf die Generation Youtube. Das kann man lieben oder hassen. Aber eins ist sicher: Dieser Wahnsinn hat Methode.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern

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