HOME

Gaby Hauptmann: Ist doch egal, wie oft

"Suche impotenten mann fürs Leben" war ihr erster Bestseller. Die Schriftstellerin Gaby Hauptmann über Liebe, Sex und Übertreibung.

Sexkiller Alltag? Der Alltag kann nicht killen, was schon vorher tot war. Wenn es nicht mehr klappt im Bett, liegt es weniger am Stress im Büro oder an der Hausarbeit oder an den Kindern. Es ist ein klares Zeichen dafür, dass es nicht mehr stimmt in der Partnerschaft. Die Dinge liegen viel tiefer. Denn es ist doch normal, dass man nach einem stressigen Job abends todmüde ins Bett fällt und dann von Sex nichts mehr wissen will.

Dann liegt es am Partner, dem anderen Arbeit abzunehmen, Alltagsprobleme aus dem Weg zu räumen: Es geht um die Balance, die eine Beziehung braucht. Wer in so einer Situation Sex will, schafft nur noch mehr Frust. Was ist das für eine Partnerschaft, in der ständig einer überlastet ist? Wirklich wichtig ist doch, dass der Sex-Pegel bei beiden von Anfang an stimmt. Dass sich der eine nicht überfordert, der andere unterfordert fühlt. Die Menschen lassen sich heute viel zu sehr unter Druck setzen. Von Filmen, von Statistiken. Und von ihrem eigenen Drang, alles perfekt machen zu müssen. Das ist doch idiotisch. Ich empfinde es als zwanghaft, wenn jemand klagt, er habe seit 14 Tagen keinen Sex mehr gehabt. Na und? Seltsam, wie viele Leute sich Gedanken machen über die Frequenz ihrer Liebe. Wo steht geschrieben, dass man zweimal die Woche miteinander schlafen muss? Oder dass "nur" dreimal im Monat eine Gefahr für die Liebe bedeute?

Es gibt doch auch schönes Leben ohne Sex - wenn beide es wollen. Wir können die Verliebtheit der ersten Monate nicht über Jahre retten. Es ist doch nun mal so, dass man am Anfang dreimal am Tag übereinander herfällt und später, wenn überhaupt, nur noch einmal die Woche. Aber heute traut sich keiner zu sagen, wir haben wenig Sex. Das ist ein Tabuthema, fast schon, wie impotent oder frigide zu sein.

Ich bin jetzt 46 und habe mich vor 20, 30 Jahren gut ausgetobt. In dieser Zeit sammelt man Erfahrungen, man probiert sich und andere aus. Diese Zeit zu nutzen, kann ich jedem nur empfehlen. Dass viele es nicht tun, sieht man an den Männern, die sich mit 50, 60 nach 18-jährigen Mädchen umsehen, weil sie denken, sie hätten was verpasst. Das ist ein Zeichen von Unreife und mangelndem Selbstbewusstsein.

Paaren, die sich fremd werden mit den Jahren, kann ich nur raten, für eine Woche mal ohne Kinder zu verschwinden: in eine Berghütte in den Schwarzwald mit Knisterkamin und Petroleumlampen. Das machen mein Freund und ich öfter. Man ist nicht abgelenkt durch die "Eventmaschinerie" normaler Urlaubsorte, kann in sich hineinhorchen, entdeckt den anderen völlig neu, sieht Eigenschaften an ihm, die im Alltagsleben nicht gefragt sind. Das gibt neuen Auftrieb, wenn die Partnerschaft schon stimmig ist - wenn nicht, kommen die Dinge heraus, die im Alltag unterdrückt werden. Es heißt ja nicht umsonst, dass viele Paare erst mal Krach miteinander kriegen, wenn sie in den Urlaub fahren. Die Zweisamkeit neu entdecken, ehrlich sein zueinander. Wenn es dann nicht mehr klappt, hilft auch das Bett nicht mehr.

print