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100 Jahre Dauerwelle: Und ewig lockt die Welle

Was heute geradezu verpönt ist, war lange Zeit der Renner in der Frisörbranche: Die Dauerwelle. Ob Pudellook, Korkenzieherlocken oder Riesenwelle - seit 100 Jahren ist die Welle aus dem Angebot eines jeden Frisörs nicht mehr wegzudenken.

Von Monique Berends

Wäre der deutsche Frisör Karl Nessler vor 100 Jahren nicht auf die Idee der dauerhaften Welle gekommen, hätten Generationen von Frauen auf die kringelige Lockenpracht verzichten müssen.

Bereits 1904 entwickelte er ein Verfahren, um glattes Haar dauerhaft zu wellen. Sein Versuchskaninchen war seine spätere Ehefrau Rosina, die bei den Test so einige Federn und noch mehr Haare lassen musste.

Am 8. Oktober 1906 wagte Nessler dann den öffentlichen Auftritt mit seiner Erfindung, die er bis dahin noch mehrmals verbessert hatte. Durch mehrere Anzeigen in Fachblättern lockte Nessler seine Kollegen an, ihm bei der Präsentation seiner Dauerwelle zuzusehen. Da er noch kein Patent hatte, zeigte er allerdings nur das Ergebnis und nicht etwa die Durchführung seiner Technik.

Innovation wurde erst nicht angenommen

Obwohl viele Kollegen aus dem Berufstand nur die Nase rümpften, gab Nessler nicht auf. Er gründete eigens für den Vertrieb seines Produkts, dessen Benutzung er mit den Jahren immer weiter verfeinerte, eine Firma.

Zwei Jahre später erhielt Nessler endlich das Patent für seine Erfindung. Nun konnte der Siegeszug der Dauerwelle beginnen. Schon bald war sie in gehobenen Kreisen so beliebt, das Nessler Patentlizenzen nach Österreich, Deutschland und in die Schweiz vergab. Auch in den USA sicherte Nessler sich die Rechte für die Dauerwelle.

1909 konnte Karl Nessler die Dauerwelle modernisieren: Statt eines Stabs, der mit Feuer geheizt wurde, setzte er nun elektrische Heizpatronen ein. 1924 wurde der vertikal auf den Kopf gesetzte Stab dann durch horizontale Lockenstäbe ersetzt, das war der Einzug der so genannten Flachwicklung.

Ein bißchen Chemie und schon lockt's

Die Bearbeitung der Haare mit Chemikalien ist aber bis heute dieselbe geblieben. Zunächst werden die aufgedrehten Haare mit einem Reduktionsmittel beträufelt, das die Disulfidbrücken öffnet. Das bedeutet, dass die Brücken gelöst werden, die dem Haar eine gewisse Steifheit geben, so dass es verformbar wird. Dadurch kann es die Form des Wicklers annehmen.

Wenn diese Reaktion beendet ist, wird das Haar mit einer zweiten Flüssigkeit, einem Oxidationsmittel, behandelt. Dieses Mittel macht genau das Gegenteil von dem, was das Reduktionsmittel vorher bewirkt hat: Es baut die Brücken wieder an anderer Stelle auf, so dass das Haar seine Festigkeit wiedererlangt. Die Welle ist nun gewissermaßen im Haar "eingeschweißt", es bleibt dauerhaft lockig.

Seit 1945 wird zudem auf die heißen Stäbe verzichtet. Zwar kommen die Frauen, die sich eine Dauerwelle legen lassen, immernoch "unter die Haube", doch so aggressiv wie das frühere Verfahren war, ist die heutige Technik nicht mehr.