Benimmschule Der Weg zum Traummann


In der Hamburger Gentleman Academy sollen Männer lernen, wie man Frauen verzaubert. stern-Redakteur Kester Schlenz hat mit zwei Kollegen einen Kurs belegt.

Also, ich habe eine Frau kennen gelernt. Sie verbreitet Gemeinheiten. Sie heißt Melanie Kirchner, ist 24 Jahre alt und leitet in Hamburg die "Gentleman Academy". Ihr war nämlich eines Tages aufgefallen, dass fast alle Frauen über die gleichen Probleme mit ihren Partnern klagen. Es handele sich dabei - Männer, festhalten! - um: mangelnde Hygiene und vernachlässigtes Äußeres. Kommunikationsarmut. Geringe Wertschätzung der Partnerin. Fehlende Manieren. Und: zu wenig Liebesbeweise. Das sollen Frauen über ihre Partner sagen? Im Jahre 2005, nach über hundert Jahren Frauenbewegung und einer Million Zeitschriftenartikeln und Sachbüchern über den rechten Umgang miteinander?

"Das ist nun mal das, was ich von den meisten Frauen höre", sagt Melanie Kirchner. "Quer durch alle Milieus." Aber sie will helfen, und sie ist sehr geschäftstüchtig. Deshalb können grobe Jungs in ihren Seminaren lernen, sich frauengerecht zu benehmen. Interessant! Mit zwei Kollegen melde ich mich an zum Kurs: "Wie verzaubere ich eine Frau?"

Melanie Kirchner ist schlank, blond und hübsch und hat einen festen Händedruck. Wir fangen sofort an, uns "charmant" zu benehmen. Mit anderen Worten - wir machen blöde Witze, um zu gefallen. Überflüssig. Denn später erfahren wir, dass der erste Eindruck, den sich eine Frau von einem fremden Kerl macht, nur zu sieben Prozent aus verbalen Signalen gebildet wird. Körpersprache, Aussehen und Kleidung sind viel wichtiger als grelle Gags. Erst mal, zumindest.

Melanie stellt uns

einen weiteren "Dozenten" vor: Lothar Landahl, 54, tätig als "Teamleiter in der Immobilienbranche" und ein "echter Gentleman". Er wird uns einen Vormittag lang in den Disziplinen Umgangsformen, Konversation und "angemessenes Aussehen" schleifen.

Herr Landahl parliert weltmännisch, trägt einen Dreiteiler und hält uns ein weißes Blatt Papier mit einem Tintenklecks hin. "Was sehen Sie, meine Herren?", fragt er. Einen Tintenklecks, antworten wir. "Ha!", sagt der Immobilienhai. "Und genauso werden Sie von Frauen gesehen." "Wie? Bekleckert?", fragt mein Kollege Markus.

"Sozusagen", antwortet Landahl. "Die Frauen sehen nicht das weiße Blatt, sondern den Klecks. Sie sehen zuerst die Fehler. Die schmutzigen Fingernägel, die Haare in der Nase, die Pickel im Gesicht, die schlechte Rasur, die zu weite Hose. So wird ein Mann erst mal bewertet." Melanie Kirchner wirft noch einen Merksatz ein: "Niemand kann zweimal den ersten Eindruck machen!"

Betreten blicken wir uns an. "Achten Sie also auf vermeintliche Kleinigkeiten", rät Landahl "und pflegen Sie sich." Dann zeigt er uns seinen Nasenhaarschneider.

Den Vormittag über lehrt uns Landahl die Grundlagen für ordentliches Aussehen und taktvolles Benehmen. Zu Letzterem gehören beispielsweise die beiden Regeln "keine Beleidigungen" und "Machen Sie sich nie über jemanden lustig". Die Beherzigung der Regeln würde für Mark allerdings bedeuten, 50 Prozent seines zwischenmenschlichen Verhaltensrepertoires aufzugeben.

Beim Test

unserer Tischmanieren schneiden wir recht ordentlich ab. Wir haben lediglich Probleme mit der Lage des Bestecks. Landahl rät zur Uhrzeiger-Analogie. 20 nach 4 heißt: Ich bin fertig. 20 nach 7: Ich mache nur Pause.

Der totale Einbruch kommt beim Krawattebinden. Wir stehen wie bei der Musterung in einer Reihe, greifen auf Kommando zu Krawatten unterschiedlicher Länge und sollen diverse Knoten formen. Ein Desaster. Markus präsentiert einen derartig verunglückten Krawatten-Mutanten, dass sogar Landahl, der schon vieles gesehen hat, den Tränen nahe ist. Nach einer halben Stunde aber gelingen uns einige vorzeigbare Gebilde.

Nach der Mittagspause übernimmt Melanie Kirchner. Sie erklärt uns die Frau an sich. "Liebe und Romantik", sagt sie, "sind für alle Frauen wichtig. Deshalb gehen sie Beziehungen ein. Sie wollen gewürdigt und von ihren Partnern wie eine Dame behandelt werden."

Das höre sich aber sehr 50er-Jahre-mäßig und arg antiquiert an, protestieren wir. Schließlich gebe es doch Gleichberechtigung und so. Darüber hinaus seien wir durchaus aufmerksame Partner.

"So, so, meine Herren, dann frage ich Sie: Wann haben Sie in letzter Zeit Ihrer Frau mal außer der Reihe ein Geschenk gemacht, ihr Blumen mitgebracht, sie mit irgendetwas überrascht, ihr gesagt, dass Sie sie lieben und aufregend finden?" Tja, nun, äh ...

Melanie rät:

"Mal eine Blume, ein schön gedeckter Tisch, eine Flasche Champagner - erzeugen Sie besondere Momente. Schenken Sie Ihrer Partnerin Aufmerksamkeit. Echte Aufmerksamkeit. Das zählt. Der Sex ist dann noch das Tüpfelchen auf dem i."

Wie? Ein schön gedeckter Tisch oder ein Strauß Tulpen sind wichtiger als Sex? Hätten wir nicht gedacht.

"Und was die Geschenke betrifft", fährt Melanie fort. "Die müssen Sie natürlich selber einpacken." "Wieso das denn?" "Frauen wollen, dass sie das eigenhändig machen. Sich die Zeit nehmen, sich Mühe geben. Sie achten auf so etwas. Es ist ihnen wichtig. Und deshalb werden wir das jetzt üben." Gesagt, getan. Jeder von uns bekommt ein Buch, Geschenkpapier und ein Stück Band in die Hand. Und dann zeigt uns Melanie, wie man ohne Tesafilm super einpackt. Und in der Tat: Wir konnten das bisher wirklich nicht und sind echt stolz, dass uns jetzt in diesem Punkt keiner dieser unaufmerksamen, ungewaschenen Rüpel da draußen mehr was vormachen kann. He, Jungs, ihr könnt einpacken ... Ich meine: Wir können einpacken.

Melanie legt nach. Überraschungen seien doch so einfach. Man könne zum Beispiel einen Liebesbrief in die Handtasche schummeln oder kleine Botschaften in der Unterwäsche verstecken. "Gilt das auch, wenn man schreibt: Bring mir bitte Kippen mit?", frage ich. Unsere Dozentin ignoriert den Einwurf. "Sprechen Sie ihr ein Gedicht auf den Anrufbeantworter. Legen Sie ihr eine Rose aufs Kopfkissen. Lassen Sie ihr ein Bad ein mit Kerzen, Musik und Rotwein. Buchen Sie einen Tanzkurs. Fahren Sie spontan an die Ostsee, mit Prosecco und Erdbeeren im Gepäck."

Das klingt uns ein wenig zu sehr nach Klub-Animation. Aber wir haben die Botschaft verstanden: Take care of your wife. Und da ist was dran. Obwohl wir uns alle für recht aufmerksame Burschen halten - bei genauerem Hinsehen haben wir uns in letzter Zeit nicht gerade besonders viel Mühe gegeben, unsere Partnerinnen mal mit etwas Ungewöhnlichem aus dem Alltagstrott zu reißen. Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Tages.

Unser Seminar

neigt sich dem Ende. Und? Sind wir bessere Männer geworden? Gar Gentlemen? Nun, ja. Vieles, was Melanie Kirchner und Lothar Landahl für die Kursgebühr von 80 Euro an nur einem Tag in arg komprimierter Form lehren, klingt ein wenig schematisch, manches antiquiert. Gelernt haben wir trotzdem was. Ordentliche Krawattenknoten zum Beispiel und Grundsätzliches in Sachen Benimm und Kleiderordnung. Das Ganze ist für Männer, die an sich arbeiten wollen, immerhin ein Anfang. Auch für mich. Gleich heute Abend werde ich meiner Frau abstoßend teure Blumen mitbringen, die ich vorher selbst geschmackvoll eingepackt und mit Champagner begossen habe. Dann werde ich uns ein Bad einlassen, Kerzen anzünden und mit einer Krawatte (Windsor-Knoten!!) und Erdbeeren in die Wanne hüpfen. Ob das wohl Aufmerksamkeit genug ist?

Mark Ernsting, Markus Dixius und Kester Schlenz print

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