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stern-Stimme Maries Modelcheck: #NotHeidisGirl: Warum die Feminismus-Kampagne ihren Zweck nicht erfüllt

Den GNTM-Casting-Aufruf #IchBinGNTM2018 kontern selbsternannte Kämpferinnen gegen die böse Heidi Klum mit #NotHeidisGirl. Geplante Inszenierung oder wertvoller Beitrag zur Verbesserung der Welt?

Von Marie von den Benken

Heidi Klum

Unter dem Hashtag #NotHeidisGirl regt sich im Netz Protest gegen Heidi Klums Castingshow "Germany's Next Topmodel"

Feminismus ist im Internet zu einer Art Anpranger-Spielplatz für selbsternannte Erbinnen von Simone de Beauvoir geworden. Während die Suffragetten in England mit teilweise drastischen Methoden für ihr Wahlrecht kämpften und Historisches geleistet haben, geht es bei den Netzfeministinnen zumeist darum, Männer oder Organisationen zu diskreditieren, die ihnen aus irgendwelchen Gründen ein Dorn im Auge sind. Da wird dann gerne mal ein netzfeministisch justiziabler Sexismus-Vorwurf erfunden, um Macht und Deutungshoheit zu proklamieren. Ein schönes Beispiel dafür ist der Fall "Fappygate".

Like mich, ich bin auf der guten Seite!

Der heutige Netzfeminismus prangert daher standesgemäß auch gerne medienwirksam möglichst populäre Gegner an. Es bringt eben mehr Schlagzeilen, gegen Menschen zu Felde zu ziehen, die regelmäßig in der "Bild" stattfinden, als gegen Ottonormalsexisten. Überraschender ist dagegen jedoch die neue Entwicklung, seine "Feinde" vornehmlich in den eigenen Reihen aufzuspüren. Unter anderen Frauen. Dabei geht es dann vor allem wieder um Dogmen von Lebensdefinitionen. Was darf eine Frau, um eine richtige Frau zu sein? Wie kann man dazu gehören zu der "richtigen" Seite der nicht mit einem Y-Chromosom ausgestatteten Geschlechtsgruppe? Wer darf dabei sein? Junge, hübsche, schlanke Mädchen jedenfalls offensichtlich nicht.

Seit ProSieben " " im Januar 2006 zum ersten Mal in deutsche Wohnzimmer spülte, wurde Jahr für Jahr kübelweise Kritik über dem Format ausgekippt. Leider wurde dabei viel weniger in den Fokus genommen, dass natürlich kein Topmodel, sondern bestenfalls ein Event-Celebrity oder ein Instagram-Influencer gekürt wurde. Oder dass die über die Jahre suggerierte Alltagswelt eines Models bei GNTM mit dem tatsächlichen Alltag für ein Mädchen, das seinen Lebensunterhalt mit Modeling verbringt, so viel zu tun hat, wie Holland mit der WM 2018. Nein, am lautesten war das Geschrei stets aus der Ecke der Netzfeministinnen, die die Protagonistinnen, die sich freiwillig einem mehrwöchigen Modelcasting im TV stellten, als zu dünn und zu sexistisch in Szene gesetzt brandmarkten.

Roger Willemsen, der Omnivor des Heidi-Bashings

In jeder Diskussion um GNTM, und ich habe zu diesem Thema aus bekannten Gründen schon viele, viele über mich ergehen lassen müssen, kommt unweigerlich irgendwann das Heidi-Klum-Bashing von Roger Willemsen und die durchschnittliche Netzfeministin verlässt die Diskussions-Arena mit dem Gusto der berühmten Taube, die alle Schachfiguren umschmeißt, auf das Brett kackt und als Sieger von Dannen stolziert. Danach kann man die Uhr stellen. Dieses Zitat, obschon gewaltverherrlichend und das auch noch gegen eine Frau und somit ja eigentlich ein Aspirant für die "No Go"-Liste aller Netzfeministinnen, erteilt offensichtlich die pseudo-intellektuelle Absolution für hemmungsloses Gruppen-GNTM-Hassen. Das ist wie mit dem Satz "Vegetarier essen meinem Essen das Essen Weg", der schon Mitte der 70er nicht mehr lustig war, aber – gerne garniert mit dem Endgegner jeder Diskussionsrunde, dem lachenden Smiley – ebenfalls aus keinem öffentlichen Gespräch über fleischlose Ernährung wegzudenken wäre.

#NotHeidisGirl

So sind sie, die Automatismen der Empörungs-Branche. Daher vermag es auch keine allzu große Verwunderung auszulösen, dass pünktlich zum Casting-Start für die 2018er Staffel GNTM wieder fleißig im Netz Stimmung gemacht wird. Während sie letztes Jahr, als Heidi Klum mit dem Hashtag #IchBinGNTM2017 zeitgeist-opportunistisch via Instagram Kandidatinnen für die 12. Staffel suchte, noch etwas zu langsam waren und der Aufruf recht erfolgreich und störfeuerfrei über die Social Media Bühne ging, zeigten sich die Netzfeministinnen dieses Jahr vorbereiteter. Kaum ein paar Minuten nach dem offiziellen Startschuss von #IchBinGNTM2018, den Heidi Klum und Co-Juror Michael Michalsky dieses Jahr planschend aus dem Sommerurlaub platzierten, formierte sich die Netz-Gegenbewegung unter dem Hashtag #NotHeidisGirl. Es ist kein Zufall, dass das gewählte Hashtag nicht #IchBinNICHTGNTM2018 oder wenigstens #NichtHeidisMädchen leutet, sondern #NotHeidisGirl. Englisch. Höchst mögliche Medienwirksamkeit? Vielleicht sogar international? Sie erinnern sich?

Hashtagging for Peace

Nun gibt es naturgemäß mehr Menschen, die sich gerne als PR-Marionetten vor einen Hashtag-Karren spannen lassen, wenn es um die vermeintliche Rettung von verlorenen Mädchen-Seelen und den Kampf gegen Body-Shaming geht, als Mädchen, die sich ernsthaft Chancen auf eine Teilnahme bei GNTM machen und dies auch noch öffentlich bei auf den Marktplatz der Social Media Eitelkeiten stellen. Es ist also nicht etwa der gigantische Erfolg einer Netzfeminismus-Kampagne, sondern völlig normale Gruppen-Dynamik, dass unter dem Hashtag #NotHeidisGirl mehr Teilnehmer und vor allem mehr Engagement zu verzeichnen sind, als unter #IchBinGNTM2018. Durch Doppelnennung beider Hashtags in ihren Postings haben die Kreuzritterinnen für die Abschaffung von Bikini-Shootings und Unterwäsche-Modeling es sogar geschafft, unter dem Hashtag #IchBinGNTM2018 mittlerweile die Top-Positionen einzunehmen. Sie verkennen dabei völlig, dass Instagram letztendlich auch nur ein Casting-Umfeld ist. Du stellst dich der Jury, den Followern, und wirst mit Likes benotet. Insofern hat alleine der Schauplatz dieser Gegenbewegung etwas angenehm retromäßiges. Es erinnert mich nämlich an meine Zeit in der Unterstufe, als Ende der 90er der Spruch "Fighting for Peace is like Fucking for Virginity" auf keinem Federmäppchen fehlen durfte. Federmäppchen. Auch so eine Vokabel, die es durch keine Casting-Show geschafft hätte.


Body-Shaming: Für Feministinnen eine Einbahnstraße

Wenn man sich auch nur einen Hauch mit den Mechanismen der Social Media Welt auskennt, ist auch das nicht verwunderlich. Viel interessanter finde ich die Frage, warum die Netzfeministinnen offenbar nur dann strikte Gegner der Zurschaustellung von jungen Mädchen in Bikinis und Unterwäsche halbnackt im Fernsehen sind, wenn es um sehr hübsche, sehr große, sehr dünne Mädchen geht. Vergleichbaren Gegenwind für das Format "Curvy Supermodel", immerhin dieses Jahr auch schon zum zweiten Mal prominent zur Primetime ins Rennen gegangen, gab es aus dem Hause der Netzfeministinnen nicht. Offensichtlich ist es nur dann nicht okay, junge Mädchen in kurze Kleider zu stecken, von herrischen Fotografen shooten und von mehr oder weniger qualifizierten Juroren aburteilen zu lassen, wenn die jungen Mädchen den klassischen Schönheitsidealen der Modelbranche entsprechen.

Germany's Next Netzfeminismus

Die Scheinheiligkeit dieser Bewegung konterkariert damit leider einen grundsätzlich sehr guten Impuls: Mehr Verantwortung für junge Menschen und ihre Körper in der Fashion-Branche. Und auch unabhängig vom Traum, Model zu werden: Bestärkung von jungen Menschen in allem, was sie machen, anstatt sie für das, was sie tun, herabzuwürdigen. Aber Rationalität steht leider nicht immer auf der Agenda von Kampagnen. Und Aufrichtigkeit schon erst Recht nicht. Es bleibt also festzustellen: Erst wenn der letzte gut dotierte, von Bundesministerien geförderte Arbeitsplatz unter den Femtrollen aufgeteilt ist, werdet ihr merken, dass Netzfeminismus die Welt nicht retten wird. Na gut, "Germany's Next Topmodel" ebenfalls nicht. Aber die haben wenigstens auch nicht den Anspruch. Ich jedenfalls freue mich auf die kommende Staffel und werde ab Februar wieder hautnah für euch dabei sein.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie