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Weihnachtsmarkt-Knigge: Kein Busengrabschen am Glühweinstand

Und nach Büroschluss geht's auf den Weihnachtsmarkt: Statt am Glühwein hat sich so mancher Kollege schon an der hübschen Vorzimmerdame die Finger verbrannt. Knigge-Expertin Elisabeth Bonneu erklärt, welche Regeln auch zwischen den Weihnachtsbuden gelten.

Lichterketten blinken, Jingle Bells läuten, Punschduft schwängert die Luft: Auf dem Weihnachtsmarkt wird's romantisch. Da schlagen Kinderherzen höher, verbrüdern sich zerstrittene Kollegen, gilt Friede, Freude, Pfefferkuchen, und die Fettnäpfchen sind vom Kerzenschein in ein gnädiges Licht getaucht.

Verschwunden sind sie deshalb nicht. Was im Geschäftsalltag und bei Betriebsfeiern gilt, ist im Getümmel des Weihnachtsmarkts nicht aufgehoben: Vorsicht beispielsweise mit dem Alkohol! Damit Sie sich beim Glühwein-Verzehr am heißen Glas nicht die Zunge verbrennen, ziehen Sie Ihre Handschuhe aus; so spüren Sie rechtzeitig, wenn das Getränk noch nicht auf Trinktemperatur heruntergekühlt ist. Wenn's zu spät für Vorsichtsmaßnahmen ist: Kühlen Sie den Mund mit kaltem Leitungs- oder Sprudelwasser. Jetzt nur ja keine Currywurst essen, Schärfe verschlimmert das Problem! Auch im übertragenen Sinne könnte es beim unüberlegten Glühweinverzehr heiß werden: Lassen Sie besser die (kalten oder warmen? egal!) Finger von der Kollegin. Es gibt den Arbeitstag danach, und die Dame sollte Sie doch, genau wie die Mannschaft und die Chefin, in anständiger Erinnerung haben, oder?

Bitte nicht: Zuckerwatte aus dem Bart pulen

Wo der Mensch Mensch sein darf, wird das Bild, das er abgibt, leicht vergessen. Da klebt dem Bummler die Zuckerwatte an Nase, Schnauzbart und Revers. Wie süß ist es, wenn ihm die Ehefrau das Zeug aus dem Gesicht zu pulen beginnt. Wie erheiternd, wenn die Schnipsel vom Papiertaschentuch, mit denen sie den Reinigungsprozess zu beschleunigen beabsichtigt - man ist ja nicht alleine hier - an den hartnäckigen Zuckerbröseln kleben. Wie befremdlich, wenn Mitarbeiter den Chef in dieser Lage beobachten. Sicherlich brauchen wir nicht alle immer und überall Sorge zu haben, dass ein unfreundlicher Mitmensch derlei Szenen mit dm Handy filmt und danach ins Internet stellt.

Und doch: Bei so manchen Situationen, deren Zeuge man unfreiwillig wird, wünschte man sich, die Akteure nähmen wenigstens kurz die Außenperspektive ein. Menschen, die sich vorstellen, sie würden für eine Reportage gefilmt, verhalten sich nämlich in einer in hohem Maß moralischen und ästhetischen Weise. Soziologen interpretieren das so, dass die Leute sonst ihren eigenen Anblick nicht ertragen könnten - Mensch bleiben, mal anders betrachtet.

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

Zum ansehnlichen Anblick zwischen Holzbuden und Karussells trägt darüber hinaus die gute alte Gewohnheit bei, vom Essen im Gehen Abstand zu nehmen. Machen wir uns nichts vor: Mettbrötchen sind viel zu großzügig belegt, Bratwürste viel zu lang, Waffeln viel zu breit, als dass man sie im Schlängelgang durch die Reihen gefahrlos verzehren könnte. Wie leicht wird man angerempelt, wie leicht verschluckt man sich oder schmiert sich Senf und Ketchup auf Kinn und Kragen. Außerdem: Wie leicht verliert man beim Gehen selbst die Kontrolle über die mobile Speise und hinterlässt an Passanten üble Spuren. Merkt doch keiner? Mitmensch bleiben!

Also: lieber einen Stehtisch aufsuchen, Pappteller und Glühweinbecher drauf deponieren, Serviette in Anschlag bringen, am Ende Mund und Finger mit dem feuchten Tüchlein aus dem ICE säubern und am Ende den Abfall in die dafür vorgesehen Eimer sortieren. Genießen am runden Tisch ist sauberer, umweltfreundlicher, ansehnlicher - und in jedem Fall auch noch geselliger.

Elisabeth Bonneau
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