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"Black Mirror – Bandersnatch": Netflix lässt User über Schicksal von Filmfigur entscheiden – alle sind total überfordert

Bei "Black Mirror – Bandersnatch" darf man sich keinen Moment Unaufmerksamkeit leisten. Der Netflix-Film überträgt dem Zuschauer die Verantwortung für Handeln und Schicksal der Hauptfigur. 

"Bandersnatch" ab 28.12. auf Netflix : Ein junger Spieleentwickler verliert langsam seinen Verstand – oder etwa doch nicht?

Für seichtes Sehvergnügen war "Black Mirror" noch nie bekannt. Die britische Serie, ursprünglich vom Sender Channel 4 ausgestrahlt, verlangt ihren Zuschauern mit jeder Folge einiges ab: Die Handlung entführt uns ständig in dystopische Welten, in denen man sich nie wohlfühlt. Mittlerweile hat der Streamingdienst Netflix die Produktion übernommen und nach vier Staffeln mit "Black Mirror – Bandersnatch" kurz vor dem Jahresende einen Film veröffentlicht, der noch einmal neue Maßstäbe dafür setzt, wie emotional anstrengend eine Serie sein kann. So geht es zumindest vielen Zuschauern.

Mit "Bandersnatch" nämlich geht "Black Mirror"-Schöpfer Charlie Brooker Wege, die so im Serien- und Filmgeschäft noch nicht beschritten wurden – jedenfalls nicht in so großem Stil. Im neuen Film wird der Zuschauer selbst Teil der Handlung, nach dem "choose your own adventure"-Prinzip. Er darf die Entscheidungen der Hauptfigur Stefan, eines jungen Programmierers, steuern und so dessen Schicksal maßgeblich beeinflussen. Manche sagen: Er muss. Denn auch wenn es sich um einen fiktiven Stoff handelt, kommt dem Zuschauer plötzlich eine große Verantwortung zu. "Ich dachte, ich wäre bereit für 'Bandersnatch'", schreibt ein User auf dem dem Portal "Imgur": "Ich lag falsch."

I thought I was ready for Bandersnatch. I was wrong.

Gepostet von Imgur am Sonntag, 30. Dezember 2018

"Black Mirror – Bandersnatch": Zuschauer lenkt die Handlung

Regelmäßig werden dem Zuschauer Optionen eingeblendet, mit denen er entscheiden kann, wie Stefan in einer bestimmten Situation handeln soll. Zunächst einmal geht es um banale Fragen: Was soll Stefan zum Frühstück essen? Doch je mehr sich der junge Programmierer in der verwirrenden Welt des Romans, der ihn fasziniert, und aus dem er ein Computerspiel entwickeln möchte, verliert, desto weitreichender werden die Entscheidungen, die der Zuschauer für ihn treffen muss – bis es schließlich um Leben und Tod geht.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, Genie und Wahnsinn verschwimmen dabei immer mehr. Und zwar im Leben von Stefan genauso wie beim Zuschauer – nur eine von vielen Meta-Ebenen, die die Macher eingebaut haben. So wird man selbst zum Teil des Films, so sehr sogar, dass sich irgendwann der völlig aufgelöste Stefan direkt an den Zuschauer wendet und diesem nichts anderes übrig bleibt, als unmittelbar mit seiner Spielfigur in Kontakt zu treten.

Neben dem Film einfach mal am Handy herumzutippen oder parallel auf dem Laptop kurz das Fenster zu wechseln, ist nicht drin. "Bandersnatch" verlangt seinen Zuschauern alles ab, vor allem aber deren ungeteilte Aufmerksamkeit. Wer bei der Handlung gerade nicht up to date ist, kann die nächste Entscheidung nicht treffen. Und ohne diese funktioniert in dem Film nichts, auch wenn Brooker und Regisseur David Slade Schleifen eingebaut haben, die den Zuschauer wieder zurückführen, wenn er zu weit abdriftet. Insgesamt soll es mehr als fünf Stunden Filmmaterial geben.

Besonders findige Netflix-User haben sich die Mühe gemacht, in einem Flussdiagramm alle Abzweigungen und die dazugehörigen Entscheidungsmöglichkeiten darzustellen. Man muss schon ziemlich nah heranzoomen, um sich zurechtzufinden. Wie der Film ausgeht, liegt letztlich am Zuschauer selbst. Auf ein Happy End muss man dabei nicht hoffen, das wird für "Black Mirror"-Fans aber keine Neuigkeit sein.

epp
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