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Berlin: Drei Jungs entwickeln eine App, die Schüler vor Mobbing schützen soll

Mobbing gab es schon immer, nur hat man es früher nicht so genannt. Wer schon einmal darunter gelitten hat, wird sich freuen, dass endlich eine Lösung in Sicht ist, die Schülern helfen kann. Drei Berliner sammeln gerade Geld, um ihre Idee in Form einer App umsetzen zu können.

Die drei Erfinder stehen nebeneinander

Die drei Köpfe hinter der Anti-Mobbing-App: Julius de Gruyter, Kai Lanz und Jan Wilhelm

Sie sind zwar noch nicht volljährig, wissen aber genau, wovon sie reden. Julius de Gruyter, 17, Kai Lanz, 17, und Jan Wilhelm, 16, wollen dem Mobbing ein Ende bereiten. Während Schüler und Schülerinnen sich damals Sätze wie "Stell dich nicht so an" oder "Dann musst du halt zurückärgern" anhören mussten, gehören die Konsequenzen, die Mobbing haben kann, heute längst zum Allgemeinwissen. Gerade in der Pubertät, dem Entwicklungsalter, das jeder unterschiedlich gut durchlebt, leiden Schüler besonders, wenn sie zum Opfer von Mobbing werden. Nicht selten führt das übergriffige Ärgern und Ausschließen aus der Gemeinschaft zu Einsamkeit, Traurigkeit und manchmal auch zu Depressionen oder gar Suiziden. Es ist also keine Kinderei, die die drei Zwölftklässler des Berliner Canisius-Kollegs planen, sondern ein wichtiger Beitrag zu einer gesellschaftlichen Entwicklung: Schluss mit Mobbing.

Julius, Kai und Jan haben die Idee für ihre App im Zuge eines Wettbewerbs entwickelt, der business@school heißt und eine Initiative der Boston Consulting Group ist. Schüler sollen dadurch unternehmerisches Denken entwickeln und die drei nahmen mit Bravour teil, sie gewannen mit ihrer Idee 2018 den "Social Entrepreneur Preis Deutschland". Durch ihre eigenen Erfahrungen mit Schülern, die gemobbt werden, erschien ihnen das Thema als genau das richtige Problem, das es zu lösen gilt. "Wir selbst wurden nicht direkt gemobbt, haben aber Erfahrungen im Umfeld gemacht. Natürlich gibt es auch auf unserer Schule wie auf jeder Schule Mobbing", erzählt Kai Lanz dem stern. "Ich denke, dass Schulen, die etwas anderes behaupten, kein Bewusstsein für ihre Schüler und die Umstände in den Klassen haben."

Mit anderen Worten: Mobbing gibt es überall

Die Website existiert bereits, jetzt soll das Geld für die App von exclamo zusammenkommen. "Der Name der App ist aus dem Lateinischen inspiriert und bedeutet 'Ich rufe aus', erklärt der 17-Jahrige. Dabei geht die Nutzung von exclamo, wenn gewünscht, auch ganz diskret vonstatten: Schüler können, wenn sie wollen, auch anonym Nachrichten an Lehrer, Schüler-Mentoren oder Schulsozialarbeiter senden. Die drei Erfinder sehen darin eine gute Möglichkeit, der Prävention – wenn Mobbing so einfach gemeldet werden kann, steigt auch die Hemmschwelle für die Täter. Zudem können die Schüler am Handy ein Mobbingtagebuch führen, Vorfälle protokollieren und haben Zugriff auf Nummern von Sorgentelefonen sowie zur psychotherapeutischen Terminservicestelle. Lehrer können von Materialien zum Umgang mit Mobbing profitieren.

"Wir haben die Vision von Schulen, in denen jeder Schüler jeden anderen Schüler gleichwertig und respektvoll behandelt", heißt es auf der Website von exclamo. "Deshalb kämpfen wir gegen Rassismus, Sexismus, Antisemitismus und alle anderen Formen der Diskriminierung." Damit Schüler einen Account bekommen, müssen sich zunächst die Schulen zur Nutzung von exclamo entscheiden. Ein Lizenzierungsmodell, dessen Preis auch von der Anzahl an Schülern und Lehrern abhängt, entscheidet über die Kosten pro Schule. Die Nutzung von exclamo passiert unkompliziert mit dem Handy – im Idealfall schon bald über die App.

"Erschreckend, dass es dafür einer App bedarf ..."

... sagte ein Kollege, als er von dem Projekt exclamo hörte. Das stimmt. Aber die Realität zeigt, dass bislang noch nichts geholfen hat, Mobbing zu stoppen. "In Deutschland liegt die Prozentzahl der gemobbten Schüler laut PISA-Studie ein kleines bisschen unter dem OECD-Schnitt", sagt Kai Lanz. Die Studie schlüsselt die konkreten Zahlen auf: "In Deutschland ist es jeder Sechste, in den Niederlanden ca. jeder Zehnte und Großbritannien etwa jeder Vierte", der von Mobbing betroffen ist, so Lanz. Ein Riesenthema also, nach wie vor, bei dem Exclamo weltweit helfen soll.

Wer Julius, Kai und Jan unterstützen möchte, kann auf ihrer Crowdfunding-Seite spenden. Das Geld wird für die Programmierung, die Gründung und Serverkosten gebraucht. "Es ist wichtig, so schnell wie möglich Initiative zu ergreifen, um unsere heranwachsende Generation zu unterstützen", schreiben die drei auf der Gofundme-Seite. Und sie wissen, wovon sie reden.

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800 / 1110111 und 0800 / 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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